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Erleuchtungserlebnisse (2): Jean-Jacques Rousseau : Die Tränen der Reflexion

  • -Aktualisiert am

Tränennass vom Glück der Erleuchtung: Januarius Zicks Rousseau-Gemälde von 1770/71 Bild: Museum Schaffhausen

Tränennass und von tausend Lichtern geblendet, ereilte Jean-Jacques Rousseau im Wald von Vincennes die Erkenntnis, dass Wissenschaft und Moral getrennte Wege gehen. Teil zwei unserer Serie über intellektuelle Erweckungserlebnisse.

          Wie kaum ein anderes Ereignis der französischen Aufklärung ist das Inspirationserlebnis des Jean-Jacques Rousseau fest im kollektiven Gedächtnis des achtzehnten Jahrhunderts verankert. Jedoch allein der deutsche Maler Januarius Zick (1730 bis 1797) hat es damals ins Bild gesetzt: Die kleine Kupfertafel zeigt die schicksalsträchtige Wende im Leben des Jean-Jacques Rousseau, die ihn zum wirkmächtigen Philosophen und Zivilisationskritiker machen sollte. Das Erleuchtungserlebnis, so will es die von Rousseau selbst verbreitete Legende, traf ihn ohne sein Zutun und gegen seinen Willen – die Fiktionalität der Anekdote erkannten allerdings schon seine Zeitgenossen.

          In einem Brief an Malesherbes aus dem Jahre 1762 beschreibt Rousseau den kathartischen Augenblick, der ihn 1749 im Wald von Vincennes ereilt haben sollte, in einer medizinisch anmutenden Schilderung als einen körperlichen und geistigen Zusammenbruch: „Ich besuchte Diderot, der damals in Vincennes gefangensaß. Ich hatte ein Heft des Mercure de France in der Tasche, in dem ich unterwegs zu blättern anfing. Ich stoße auf die Frage der Akademie zu Dijon. Hat jemals etwas einer schnelleren Eingebung geglichen, so war es die Bewegung, welche in mir vorging, als ich diese Frage las. Auf einmal fühle ich, daß mein Geist von tausend Lichtern geblendet wird, ganze Massen lebhafter Gedanken stellen sich ihm mit einer Gewalt und in einer Unordnung dar, die mich in eine unaussprechliche Verwirrung versetzt; meinen Kopf ergreift ein Schwindel, welcher der Trunkenheit gleicht. Ein heftiges Herzklopfen bedrängt mich, will mir die Brust sprengen; da ich gehend nicht mehr atmen kann, lasse ich mich am Fuß eines Baumes am Wege hinsinken und bringe eine halbe Stunde dort in einer Erregung zu, daß ich beim Aufstehen den ganzen Vorderteil meiner Weste mit Tränen durchnäßt finde, ohne gefühlt zu haben, daß ich welche vergoß.“

          Verbildlichung des Innerlichen

          Januarius Zick zeigt Rousseau am Fuße eines Baumes niedergesunken und sein tränennasses Hemd betrachtend. In der Linken hält er den „Mercure de France“. Die dort abgedruckte verstörende Preisfrage aus Dijon war die für das Jahr 1750: „Hat das Wiederaufblühen der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen?“ Im Zuge des zeitgenössischen Fortschrittsoptimismus war zu erwarten, dass diese Frage nur mit „Ja“ beantwortet werden könnte. Rousseau aber verneinte sie und formulierte seine Position entsprechend anti-aufklärerisch. Sein „Discours sur les Sciences et les Arts“ brachte ihm den ersten Preis der Akademie ein und gilt als sein philosophisches Gründungsmanifest.

          Illumination eines Anti-Illuminierten: Rousseau-Büste im Kölner Wallraf-Richartz-Museum

          Das intime Erlebnis seiner philosophischen Eingebung hat Rousseau, immer bedacht auf den Eindruck, den er gegenüber der von ihm verachteten Gesellschaft machte, nicht etwa in geheimen Tagebüchern festgehalten, sondern in bald kursierenden Briefen, die das Vincennes-Erlebnis als konstituierend für seine Initiation als Moralist in der Pariser Gesellschaft verbreiteten. In den Briefen an Malesherbes sind alle Informationen enthalten, die Zick als Grundlage für das Gemälde benötigte. Wie sind Erleuchtung und Inspiration jedoch im Bild darstellbar?

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