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: Eine ausgewogene Mischung der Farbtöne als Ideal

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"Die Indianer, die in großer Anzahl der Landung von Columbus' Booten zusahen, waren erstaunt, als sie die Christen sahen, und fürchteten sich vor ihren Bärten, ihren Kleidern und vor ihrer weißen Haut", ...

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          "Die Indianer, die in großer Anzahl der Landung von Columbus' Booten zusahen, waren erstaunt, als sie die Christen sahen, und fürchteten sich vor ihren Bärten, ihren Kleidern und vor ihrer weißen Haut", schreibt Bartolomeo de Las Casas in seiner zwischen 1527 und 1544 entstandenen "Historia de las Indias". Das Bild der dunklen Eingeborenen, die verwundert die helle Haut der Spanier inspizieren, beherrscht bis heute die Vorstellung von der ersten Begegnung zwischen Alter und Neuer Welt, die seit Las Casas immer wieder auch als Aufeinandertreffen verschiedener Hautfarben inszeniert wurde. Etwas anders allerdings liest sich die Geschichte bei Kolumbus selbst. In seinen vierzig Jahre zuvor entstandenen Aufzeichnungen, die nur in Auszügen erhalten sind, haben die Bewohner der Insel San Salvador wohlgestaltete Körper und hübsche Gesichter, deren Farbe er als "in der Mitte zwischen schwarz und weiß" und "nicht sehr dunkel" bezeichnet (Valentin Groebner, "Haben Hautfarben eine Geschichte?", in: Zeitschrift für historische Forschung, 30. Bd., Heft 1, Duncker und Humblot, Berlin 2001).

          Anhand von Personenbeschreibungen hat der Basler Historiker untersucht, in welchen Kategorien zwischen dem dreizehnten und sechzehnten Jahrhundert über die Farbe der Epidermis geschrieben wurde. In den medizinischen und populären physiognomischen Traktaten des Mittelalters spielten Farben eine bedeutende Rolle, da sie als Resultat bestimmter Qualitäten und Mischungen von Körpersäften zuverlässige Aussagen über die individuellen Eigenschaften eines Menschen gestatteten. Die Farben Schwarz, Weiß und Rot bezeichneten dabei lediglich extreme Ausprägungen, zwischen denen eine breite Palette von Abstufungen und Variationen existierte. So zeigte ein rotes Gesicht Blut und Hitze im Übermaß an, während eine dunkle Hautfarbe für Wärme und Trockenheit stand. Nicht eine möglichst helle Haut, die auf einen Überschuß an Feuchtigkeit, Unmännlichkeit und ein phlegmatisches Naturell schließen ließ, sondern eine ausgewogene Mischung der Farbtöne galt in dieser Zeit als Ideal.

          Bis zum Beginn der Neuzeit stellten Hautfarben keine klar voneinander abgrenzbaren, angeborenen Kategorien, sondern, je nach Alter oder Geschlecht, Ernährung oder Emotionen, höchst veränderliche, individuelle körperliche Dispositionen dar. Zudem waren die drei extremen Farbpole keiner bestimmten geographischen Region zugeordnet: "Schwarze" kamen nicht notgedrungen aus Afrika, und die Europäer begriffen sich selbst nicht als "weiß". So etwa rühmt sich Petrarca 1374 in seinem autobiographischen "Brief an die Nachwelt" einer idealen Hautfarbe "zwischen weiß und dunkelbraun/schwärzlich", die gleiche Farbmischung, die Boccaccio den Bewohnern der im vierzehnten Jahrhundert neu entdeckten Kanarischen Inseln zuschrieb. Die Zigeuner, die um 1420 erstmals in Mitteleuropa auftauchten, wurden als "sehr schwarz" charakterisiert, ebenso wie zwei in Rom stationierte deutsche Söldner, die auf einer Liste mit detaillierten Personenbeschreibungen durch "facies nigra" gekennzeichnet sind.

          Erst seit durch den rasch expandierenden Sklavenhandel in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts eine wachsende Zahl von Mauren und Afrikanern nach Europa verschifft und auf Märkten wie Vieh verkauft wurden, veränderte sich die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Europäer. Allmählich wandelte sich die Hautfarbe von einer individuellen, flüchtigen Eigenschaft in eine kollektive, unveränderliche und gleichsam natürliche Kategorie, anhand derer sich Menschen identifizieren und klassifizieren ließen. Je stärker sich nicht nur Portugiesen und Spanier, sondern auch Italiener, Flamen und Franzosen dem Sklavenhandel zuwandten, desto deutlicher tritt aus den zeitgenössischen Quellen der Unterschied zwischen "wir" und "die anderen", zwischen "hell" und "dunkel", "weiß" und "schwarz" hervor.

          Für Kolumbus hatten die Eingeborenen 1492 noch die ideale gemischte Farbtönung des Mittelalters. Nur vier Jahrzehnte später, als Las Casas rückblickend seinen Bericht über die Landung der Spanier verfaßte, waren sie bereits entrechtet, versklavt - und entsprechend nachgedunkelt. Die Europäer dagegen erscheinen in seiner Darstellung als weiß, ungefärbt und damit jenseits der Kategorien, die sie selbst zur Beschreibung und Klassifizierung geschaffen hatten: Hautfarben, die über sie Auskunft erteilen, haben in der Neuzeit immer nur die anderen. MARION LÜHE

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