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Grünbein und Tellkamp : Wie das Schisma von Dresden entstand

  • -Aktualisiert am

Volksversammlung des Bildungsbürgertums von Dresden: Durs Grünbein und Uwe Tellkamp diskutierten am 8. März 2018, die Moderatorin war Karin Großmann. Bild: Juergen Lösel für Sächsische Zeitung

Durs Grünbein sprach im Streitgespräch mit Uwe Tellkamp von einem Scherbengericht. Was lehrt das Institut aus Athen über die Integrationsprobleme in Dresden?

          Der Kulturpalast steht wie ein Riegel zwischen Alt- und Neumarkt, hell; kaum fünfhundert Meter entfernt liegt der Theaterplatz, dunkel. Den Hunderten Dresdenern, die sich hier an einer „Streitbar“ berauschen wollen, sind die Foyers, hell, zu klein; man öffnet ihnen den Konzertsaal, dunkel. Die Münze wurde geworfen, Kopf oder Zahl: „Ich hatte gesagt: Kopf, nun muss ich anfangen“, sagt Durs Grünbein, so gelassen wie möglich. Er erinnert an das Gegenüber von Akropolis und Pnyx, an die Möglichkeit, sich zu begegnen im „Versuch eines quasi endlosen Diskurses“. Uwe Tellkamp nimmt das wörtlich, meint tatsächlich, zu einem Scherbengericht aufgefordert zu sein, und bietet einen Numerus currens von diskursbedürftigen Missständen an. Die Unmöglichkeit des Diskurses reiht er dieser Liste ein, so furios wie möglich.

          Solche Hahnenkämpfe haben nur Sinn, wenn das Publikum bereit ist, sich in seiner Streitlust vertreten zu lassen. Gregory Bateson hat 1935 eine solche desengagierende Stellvertretung als Lösung von Konflikten beschrieben, die sich durch „Kulturberührungen“ ergeben. Dass Berührungen konfliktträchtig sind, überrascht nicht. Üblicherweise lernt man voneinander, und dann lebt man miteinander – sei es, indem man den Abstand pflegt und sich aus dem Weg geht, sei es, indem man die Nähe erträgt und sich einander anverwandelt.

          Gelegenheiten für Feindseligkeiten

          Gelegentlich, und Bateson hält diesen Fall für die Berührung von Gruppen innerhalb einer Kultur für wahrscheinlich, eskalieren die Konflikte jedoch. Man nutzt die Berührung zum Distanzgewinn und kontrolliert pedantisch die Abstände, was in eine Kontaktsucht führt, die immer stärkere Drogen braucht: eine „Schismogenese“. Kulturberührungen sind dann Gelegenheiten für „Feindseligkeiten“ bis hin zur Bereitschaft, „einander an die Gurgel zu gehen“ und dabei „immer größeren Stolz und immer größere Anmaßung“ zu empfinden. Man fängt an, sich an scharfen Dissenspraktiken zu ergötzen.

          Süchtige sind Individualisten. Tellkamp kann nicht mehr mithalten, er hat seine Rolle als Stichwortgeber ausgespielt. Denn jetzt werden die Plädoyers auf dem Pnyx gehalten, jetzt stellen sich zwei Intellektuelle (einer hell, einer dunkel) gegenseitig eine Frage. Götz Kubitschek: „Sind Sie nicht der Meinung, dass der Riss, der durch die Gesellschaft geht, unbedingt sein muss? (...) Was ist Meinungsfreiheit für Sie, was muss man wirklich ertragen? (…) Also ich bin strikt dafür, dass der Riss noch tiefer wird, dass die Sprache noch deutlicher, noch konkreter wird. Und das ist meine Frage an Sie, ob Sie das nicht am Ende für viel spannender und interessanter halten als die ewig gleiche Käseglocke über diesem Land.“

          Götz Kubitscheks Position

          Grünbein: „Herr Kubitschek, darf ich Sie was fragen? Das wollte ich Sie eigentlich immer schon fragen: Halten Sie sich als Verleger für einen Anarchen? Ist es das, was Sie wollen? (…) Ist es vielleicht sogar eine klammheimliche Lust, an diesem Riss zu arbeiten? Ist das quasi das politische Programm, das Sie verfolgen?“ Kubitschek, impulsiv, ohne Mikro, verbal schon an Grünbeins Gurgel: „Ich war Offizier und war auch im Einsatz in Bosnien (…). Das, wo ich heute stehe, meine Position als Verleger (...): dass es natürlich ganz klar Rechtsintellektuelle geben, dass es konservative Intellektuelle, dass es Nationalkonservatismus geben muss in diesem Land. Dass Normalität hergestellt wird, das ist der einzige Grund, warum ich nicht mehr Offizier bin. Lust an der Anarchie habe ich keine. Ich weiß, dass Anarchie die Katastrophe für ein Volk ist.“ Schismogenese als Ordnungsphantasie. „So ein Quatsch“, ruft jemand aus dem Volk.

          Das Scherbengericht auf dem Pnyx, an das Grünbein erinnert und zu dem er Kubitschek herausgefordert hat, war ein Ausschlussverfahren zum Zwecke der Abstimmung darüber, wen man der Stadt verweisen wollte, also: der Einigung darüber, wen man nicht zu integrieren vermochte. Es ging um eine Bilanz der Belastbarkeit der inneren Beziehungen, nicht um ein Tribunal.

          Integration ist ein Kredit

          Dreißig Jahre nach Bateson hat Harrison C. White gezeigt, dass Gruppen zu integrativen Kulturberührungen nur dann fähig sind, wenn sie ihren internen Beziehungen vertrauen: Integration ist ein Kredit, den man sich selbst gibt. Genau darüber, über diesen Kredit, über die eigene Schuldfähigkeit diskutiert ein Scherbengericht. Der Ausschluss, wenn er beschlossen wird, ist ein Schuldunfähigkeitsattest einer sich für integrationsunfähig haltenden Kultur, das den Ausgeschlossenen gar nicht betrifft, ihm aber in die (Reise-)Tasche geschoben wird.

          In Grünbeins „Porzellan“, seinem „Poem vom Untergang meiner Stadt“, steht der Vers: „Leicht verletzt sich, wer wie du mit alten Scherben spielt.“ Der Riss, an dem Dresden (stellvertretend, darf man annehmen) herumlaboriert, wird die Schuldunfähigkeit verschärfen und einen Liquiditätsverfall der städtischen Beziehungen zur Folge haben, den sich nur süchtige Schismogenetiker wünschen können.

          Für die Stadtbürgerschaft ist dieser Verlust an Selbstvertrauen desaströs. Schismogenesen verführen nicht nur zu scharfen Dissenspraktiken, sondern machen auch sichtbar, wer sich hinreißen lässt, und sorgen dafür, dass es dafür Komplimente gibt. Man wird gesehen, und man weiß das. Man fängt an, für andere wie für sich selbst jemand zu sein, der Risse verschärft und Integrität nicht mehr erträgt. Man lässt sich auf eine Komplizenschaft verpflichten, die das Selbstvertrauen ruiniert.

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