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„Dradio Wissen“ hat eine gute Idee : Gefunkter Geist im Internet

Hannah Arendt gehört zu den Geistesgrößen, deren Vorträge nun wieder zu hören sind Bild: dpa

Unter dem Titel „Hörsaal“ kann man im Internet von „Dradio Wissen“ jetzt beinahe täglich den Vorträgen, Funkessays und Debatten von Geistesgrößen der jüngeren Vergangenheit wie der Gegenwart lauschen - von Adorno bis Gerd Gigerenzer.

          Es gab eine Zeit, in der war das Radio die Volkshochschule der Nation, und das Wort wurde auf „Hochschule“ betont. Denn man konnte in den fünfziger und sechziger Jahren Beiträge und später Wiederholungen dieser Beiträge hören, die es in sich hatten. Theodor W. Adorno beispielsweise trug seine Antwort auf die Frage, wie Hegel zu lesen sei, im Rundfunk vor; ein Manuskript, das selbst dem, der es vor sich liegen hat, einiges zu denken aufgibt. Oder nehmen wir die viel gemütlicheren Ausführungen des Bienenforschers Karl von Frisch, die aufgeregten Diagnosen Max Benses zur aktuellen Lage der Kunst, Hans Blumenbergs „Geistesgeschichte der Technik“, die in Hörspielform gebrachten Vorlesungen Arno Schmidts über seine Lieblingsbücher. Im Rückblick erscheint die damalige Bereitschaft der Sender zur Popularisierung von Wissenschaft und intellektuellem Räsonnement, auch schwierigem, erstaunlich.

          Dies umso mehr, als es eine hochsachliche Form von Popularisierung war, ohne viel Beiwerk, sich ganz auf die Reputation der akademischen und gelehrten Autoritäten verlassend. Und zwar schon bei der Themenwahl. Wie Hegel zu lesen sei, dürfte auch in den fünfziger Jahren kaum ein Problem gewesen sein, das sich der Zuhörerschaft als ganzer drängend stellte. Aber man glaubte offenbar dem Professor, es werde schon seine Bewandtnis damit haben. Und man glaubte ganz ernsthaft an Bildung; wohl auch an den Nachholbedarf gerade der Deutschen darin. Die ihrerseits etwas daran fanden: Es war dies auch die Zeit, in der die Bände der „rowohlt enzyklopädie“, einer Art gedrucktes Studium generale, in Zigtausenderauflagen weggingen.

          Die Renaissance eines Sendeformats

          In dieser Woche ist eine Wiederaufnahme jenes Sendeformats zu vermelden. Im Internet - und digital über Kabel und Satellit - ist seit Montag das „DradioWissen“, ein Programm der Sender Deutschlandradio und Deutschlandfunk, zu empfangen, unter http://wissen.dradio.de/. Im Rahmen dieses Programms wird von nun an allabendlich um 20 Uhr unter dem Titel „Hörsaal“ ein wissenschaftlicher Vortrag, eine Debatte oder ein Essay ausgestrahlt. Den Beginn machten eine Diskussion zwischen Eugen Kogon, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno über moderne Formen kollektiver Angst, ein Radioessay von Hannah Arendt aus dem Jahr 1953 über den totalitären Terror sowie zwei Vorträge von Helmuth Plessner und Arnold Gehlen über den anthropologischen Begriff der „Umwelt“. Am Mittwoch folgte eine Aufzeichnung des Vortrags, den der amerikanische Sozialphilosoph Amitai Etzioni zur Verleihung des Meister-Eckhart-Preises kürzlich in Köln hielt.

          Daran erkennt man, dass es diesem Hörsaal nicht nur um die Dokumentation vergangener Geistesfunkgeschichte geht. Beabsichtigt ist vielmehr, interessante Vorlesungen - an Universitäten, Instituten außeruniversitärer Forschung oder „Wissenschaftskollegs“ - mit gewissermaßen homogener Neugier auf Alte Geschichte und Soziologie genauso wie auf Intensivmedizin, Philosophie oder Architektur zu senden, mehr als zweihundertfünfzig im Jahr. Die Wirkungen, die so etwas, wenn es sich erst einmal herumgesprochen hat, auf den Vortragsstil in akademischen Zusammenhängen haben könnte, möchte man sich erfreulich vorstellen.

          Wider die Denkfaulheit

          Denn dass die genannten Philosophen und Forscher vor fünfzig Jahren so häufig im Radio zu hören waren, sagt nicht nur etwas über das Radio, sondern auch über den vorherrschenden Popularisierungsstil jener Jahre. Besonders gut kann man ihn an den gesendeten Vorträgen Hannah Arendts und Gehlens erläutern: Problembezogen, noch in jedem Nebensatz an der Erläuterung einer - und nur einer - These orientiert, ohne Spaziergänge durch den eigenen Zettelkasten, ohne Belästigung der Hörerschaft mit bloß innerwissenschaftlich informativen Mitteilungen, mit einem großen Willen, Dinge zu definieren und „Was ist das?“-Fragen zu beantworten. Es gibt keine wohlfeile Selbstrelativierung der Sprecher, die Denkfaulheit als Skepsis oder Pluralismus tarnt. Es wird viel von überschaubaren und vom Hörergedächtnis gut aufnehmbaren Oppositionen Gebrauch gemacht, man verliert nie den Eindruck, zu wissen, wo in der Argumentation man sich gerade befindet. Verliebtheit in Anspielungen fehlt völlig.

          Vielleicht hängt es - ganz diesseits der Theorien, die jeweils aufgestellt wurden, und diesseits der Frage, ob das Gesagte haltbar war und noch ist - mit diesem Stil zusammen, dass insbesondere die Geisteswissenschaft damals ein Publikum außerhalb ihres engeren Kreises fand. Heute dominieren im Bereich der Popularisierung von Wissenschaft ganz deutlich Autoren aus den naturkundlichen oder der Naturwissenschaft jedenfalls nahestehenden Disziplinen. Einen Stephen Jay Gould, Jared Diamond oder Gerd Gigerenzer der Philosophie, Philologie, Soziologie, Kunstgeschichte oder Politikwissenschaft findet man nicht so leicht. Aber womöglich gibt es so jemanden ja doch und der „Hörsaal“ entdeckt ihn.

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