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„Diu Crône“ von Heinrich von dem Türlin : Hört von Gaweins Heldentaten!

Bild: De Gruyter

Der mittelalterliche Roman „Diu Crône“ war unter Fachleuten lange Zeit verpönt. Als Buch voller Widersprüche und kruder Phantasien stand es weit unter den klassischen Artusromanen. Heute kommt kein Mediävist mehr an dem Werk vorbei. Warum?

          Wenn Schwerter klirren und Rüstungen scheppern, ist das Geräusch für einen Ritter wohl unwiderstehlich. Auch Gawein, der Erste und Beste an König Artus’ Tafelrunde, folgt dem Klang, wo immer er ihn hört, schließlich könnte die Ursache ja ein schönes Turnier sein. Diesmal ist es anders: Gawein wird Augenzeuge einer gespenstischen Schlacht, bei der sechshundert Ritter von einem riesigen Schwert und einer langen Lanze attackiert werden - allerdings sieht man niemanden, der diese Waffen führt. Bald sind alle Ritter erschlagen und gehen plötzlich in Flammen auf. Gawein trifft nun auf ein nacktes Mädchen, das einen gefesselten Riesen vor aaspickenden Vögeln schützt, auf ein grünes Fabelwesen mit Hörnern, auf eine alte Frau, die einen gefesselten nackten Farbigen auspeitscht, einen Bauern, der eine Gruppe von jungen Mädchen anzündet. Und das ist erst der Anfang.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Gaweins verstörende Abenteuer, die wie apokalyptische Visionen anmuten und deren Rätsel im Roman auch nicht aufgeklärt werden, haben in der mittelhochdeutschen Literatur nicht ihresgleichen. Wer jedenfalls den Roman „Diu Crône“ eines gewissen Heinrich von dem Türlin liest und eine jener klassischen Geschichten von König Artus erwartet, wird bald eines Besseren belehrt. Klassisch ist nur wenig an diesem Buch, das wohl irgendwann zwischen 1220 und 1235 entstanden ist, also knapp nach „Erec“, „Iwein“ und „Parzivâl“, den ungleich berühmteren Artusromanen von Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach. Während diese nach ihrer Wiederentdeckung um 1800 rasch ediert und mit großem germanistischen Fleiß ausgelegt worden sind, erschien die mit mehr als 30 000 Versen äußerst umfangreiche „Crône“ zwar 1852 endlich auch im Druck. Doch in der Forschung wurde sie weiterhin lange Zeit nicht mit der Kneifzange angefasst.

          „Alles noch einmal übertrieben“

          Es geht in dem Buch um verschiedene Abenteuerfahrten, die vor allem Gawein unternimmt, darunter eine zum Heiligen Gral, aber auch um den Hof von König Artus und die Gefahren, die ihm drohen - einmal kommt ein fischgesichtiger Ritter, der alle Damen und Herren des Hofs hinsichtlich ihrer Tugend prüft und durchfallen lässt. Ein anderes Mal wacht Artus auf, und alle seine Ritter sind verschwunden. Wenig später erscheint ein Herr, der behauptet, die Königin Ginover sei eigentlich seine Geliebte und Artus halte sie gegen ihren Willen gefangen - um das und die Glut seiner Liebe zu beweisen, reitet der fremde Ritter Nacht für Nacht durch klirrenden Frost, nur mit einem Hemd bekleidet, ein Lied auf den Lippen. Artus dagegen wird von seiner Gattin der Laschheit bezichtigt, wenn er sich nach einem anstrengenden Tag am Kaminfeuer wärmt.

          Schließlich kommt alles zu einem guten Ende, es gibt Hochzeiten, Versöhnungen, ein abschließendes Fest am Artushof. Und auch die beunruhigenden Begegnungen voller Grausamkeiten, Feuersbrünste und bitteren Anklagen, die Gawein über sich ergehen lassen musste, klingen schließlich ab, weil der Artusritter klugerweise dem Impuls widersteht, mit dem Schwert dazwischenzugehen.

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