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„Diu Crône“ von Heinrich von dem Türlin : Hört von Gaweins Heldentaten!

Tatsächlich wird man der „Crône“ wohl nur gerecht, wenn man registriert, wie die Artus-Tradition mit ihrem Personal hier nicht nur parodiert, sondern eben auch zur Kenntlichkeit gebracht wird. Werden zeitliche Abläufe geschildert, so sind sie sehr häufig symbolisch zu verstehen: Wenn Artus etwa - wie zu Beginn des Romans - sein Hoffest nicht wie sonst zu Pfingsten feiert, sondern mitten im Winter, so ist das ein Hinweis an den Leser, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, was sich dann auch mit dem kollektiven Versagen des Hofs bei der Tugendprobe deutlich zeigt. Und wenn Artus im Prolog dieses Romans als Liebling jener Frau Saelde beschrieben wird, die über das „Rad der Fortuna“ herrscht, ein im Mittelalter äußerst beliebtes Symbol für das Auf und Ab der Lebensumstände jedes einzelnen Menschen, dann ist damit eben auch ein Hinweis auf die dauerhafte Präsenz gegeben, die dem „einstigen und künftigen König“ gern zugeschrieben wird. Anders als in der Vorstellung einer linear verfließenden Zeit verspricht das Rad, auf das in diesem Roman immer wieder angespielt wird, die Wiederkehr des Vergangenen - oder, wie im Fall von Gaweins Schilderung seiner künftigen Taten, die Vorwegnahme der Zukunft.

Ein Auftrag an den Leser

Wer jedoch aufgrund dieser Beobachtungen in der „Crône“ eine fatalistische Grundtendenz wahrnimmt, verkennt, dass die Gunst jener Frau Saelde, der Gebieterin über das Rad des Schicksals, an eine Bedingung geknüpft ist: Man muss sich um sie bemühen. „Man sagt ja“, heißt es im ersten Teil des Romans, dass es die Art der Frau Saelde sei, „dem Guten beizustehen und den Bösen zu fliehen. Das ist auch richtig so, denn nur wenn sie sich mit menschlichem Streben verbindet, ist ihre Hilfe wirksam. Wo einer aber ein Stück weit davon abrückt, fremdelt sie schon ein bisschen und hilft ihm nicht.“

Das ist eine fast schon poetologische Aussage. Überträgt man dies auf den Roman und seine Rezipienten, auf ein Werk also, dass der Autor am Ende seines Romans äußerst selbstbewusst als eine mit kostbaren Edelsteinen besetzte Krone bezeichnet, dann wird daraus beinahe ein Auftrag an den Leser, der sich gefälligst um ein Verständnis des Werks bemühen solle, wenn denn die Lektüre ersprießlich sein soll. Im Epilog heißt es: Wenn das eine oder andere im Roman verwendete Bild „den einfältigen Leuten wild erscheint, wenn sie es anschauen, was sehr leicht geschehen kann, und diese Leute dann die Edelsteine für billiges Glas halten - was soll die Krone dabei schon verlieren oder der Meister, der sie geschmiedet hat?“

Was anders als ein Experiment?

Man muss dem Autor da nicht folgen. Dass aber die Chancen für eine differenzierte Sicht auf die „Crône“ heute besser stehen denn je, liegt auf der Hand. Die Auffassung jedenfalls, dass mit Heinrich von dem Türlin ein mäßig begabter, zudem halb verrückter Epigone der klassischen mittelhochdeutschen Autoren hier sein Unwesen getrieben habe, wird niemand mehr ernsthaft vertreten.

Umgekehrt kann aber auch ein wenig Skepsis gegenüber Heinrich von dem Türlins Erzählprojekt nicht schaden. Und auch die Frage, ob denn die interpretatorische Mühe durch einen nennenswerten Ertrag belohnt wird, kann man getrost stellen.

Den Lesern im Mittelalter wie auch uns heutigen, schreibt Ulrich Wyss, „fällt es schwer, dieses Buch anders als ein Experiment aufzufassen, von dem wir nicht wissen, ob wir seiner Extravaganz froh werden sollen“.

Literatur

Heinrich von dem Türlin, „Die Krone“. Kritische Ausgabe. Hrsgg. von Fritz Peter Knapp und Manuela Niesner (Bd. 1) sowie Alfred Ebenbauer und Florian Kragl (Band 2), Tübingen 2000/2005.

Ders., Dass. Ins Neuhochdeutsche übersetzt von Florian Kragl, Berlin 2012.

Gudrun Felder, „Kommentar zur ,Crône’ Heinrichs von dem Türlin“, Berlin 2005.

Nicola Kaminski, „’Wâ ez sich êrste ane vienc, Daz ist ein teil unkunt’. Abgründiges Erzählen in der ,Krone’ Heinrichs von dem Türlin“, Heidelberg 2005.

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