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„Diu Crône“ von Heinrich von dem Türlin : Hört von Gaweins Heldentaten!

Klar ist jedenfalls, dass der Autor Heinrich von dem Türlin (dessen Lebensumstände vollständig im Dunkeln liegen) sich und uns einiges abverlangt, was wiederum den Reiz erhöht, das Werk auszulegen. Untersucht wird etwa das Verhältnis des Romans zu anderen Texten aus der Artuswelt (vor allem dem „Parzivâl“ beziehungsweise dessen altfranzösischer Vorlage) und weiteren Quellen, die Rolle des Phantastischen ebenso wie die narrative Struktur. Die Interpreten widmen sich den großen Fragen wie Liebe, Glück oder Humor, der Landschaft und der Architektur oder den Familienmodellen, wie sie in der „Crône“ erscheinen. Andere interpretieren einzelne Episoden, etwa das Abenteuer, das Artus’ Mundschenk Kay auf einem Maultier ohne Zaumzeug erlebt. Und natürlich stellt sich immer wieder die Frage, was diesen disparaten Roman mit seiner Vielzahl von Themen, Figuren und Episoden eigentlich zusammenhält.

Die Vergangenheit, die Zukunft

Manchem geht dieser Forscherfleiß auch schon zu weit. So seufzt der Heidelberger Altgermanist Fritz-Peter Knapp über die „steigende Flut spekulativer ,Krone’-Deutungen“, die „fast durchweg auf die Annahme“ hinausliefen, „die manifesten Unklarheiten und Widersprüche auf allen Ebenen des Textes seien Ausdruck einer raffinierten Doppel- und Tiefsinnigkeit“. Knapp, der die kritische Ausgabe des Romans mitherausgegeben hat, sieht das Werk offenbar anders: „Je länger man sich damit herumquält, umso schwerer fällt es jedoch, das manieristisch Gewaltsame dieser Obskurität zu verkennen.“

Zu den irritierendsten Momenten gehört dabei die Chronologie der Handlung, die auffällige Widersprüche aufweist. So gerät etwa Gawein einmal in eine Art Liebesgefangenschaft: Durch einen Zaubertrank vergisst er in den Armen der schönen Amurfina seinen Namen und seine Profession. Er wird vom Musterritter zum braven Hausmann und glaubt sich schon seit dreißig Jahren mit Amurfina verheiratet. Erst als er bei einem Festessen eine goldene Schale mit seinem eingravierten Namen und einer Darstellung eines früher von ihm bestandenen Zweikampfs sieht, fällt ihm seine Vergangenheit wieder ein. Allerdings nicht nur die: Unter seinen Abenteuern, die er nun aufzählt, sind auch einige, die er erst im späteren Verlauf der Romanhandlung bestehen wird, von denen er also jetzt eigentlich noch gar nichts wissen kann. Der Frankfurter Altgermanist Ulrich Wyss nennt das „einen Blick in die Zukunft, der als Bericht aus der Vergangenheit daherkommt“.

Auf und ab auf dem Rad der Fortuna

Hält man dies mit ähnlichen Stellen zusammen, deren Chronologie ebenfalls der des gesamten Romans widerspricht, dann entsteht aus den einzelnen Zeitschleifen insgesamt der Eindruck allgemeiner Zeitlosigkeit, die diesen Text prägt. Während etwa die Titelhelden der Romane „Erec“ und „Iwein“ im Verlauf der jeweiligen Handlung eine spürbare Entwicklung durchmachen, die sie läutert und dazu befähigt, am Ende ihren Aufgaben als Landesherr und Liebender gerecht zu werden, ist davon bei Gawein, dem Helden der „Crône“, keine Rede: Er beginnt in der Position des Musterritters und führt von hier aus die ihm auferlegten Einsätze durch. Dass er sich unterwegs des dauernden Beistandes von Frau Saelde versichert, einer Art Fortuna, und dass er sogar ewige Jugend erringt, lässt ihn in seinem Auftreten auf irritierende Weise unverändert: Er bleibt der höfische, korrekte und im Kampf effiziente Ritter, als den man ihn bereits aus anderen Romanen kennt. Nur dass hier das Statische seiner Person auf groteske Weise betont wird.

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