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„Diu Crône“ von Heinrich von dem Türlin : Hört von Gaweins Heldentaten!

Einen „kaum durchdringlichen Schwall von Abenteurern“, nannte der Literaturhistoriker Georg Gervinus (1805 bis 1871) das Buch, „einen zusammengestoppelten Haufen derselben gewöhnlichen Begebenheiten der Irrenden, wie wir sie aus so vielen Vorläufern so überreichlich kennen. Alle Plan- und Zwecklosigkeiten dieser Romane, alle ihre Albernheiten, Gemeinheiten und Übertreibungen kehren hier wieder, alles noch einmal übertrieben und breit getreten.“ Ganz zu schweigen von den „schlüpfrigen Stellen“, die der mittelalterliche Autor unverhohlen ausmale, „um die Sinne der Leser zu reizen“. In Gervinus’ Lesart ist die „Crône“ das typische Produkt einer Spätzeit: Die literarische Gattung „Artusroman“, die mit Wolfram und Hartmann zur höchsten Blüte gekommen war, verfällt und sinkt auf unterstes Niveau herab - so in etwa kann man sich diese Philippika deuten.

Als schriebe fast jeder gerade darüber

Viele sind Gervinus gefolgt, und auch die schiere Länge des seltsamen Werks scheint Forscher und Liebhaber der mittelalterlichen Literatur eher abgeschreckt zu haben. So konnte der Schriftsteller Arno Schmidt achtzig Jahre nach Gervinus die „Crône“ völlig zu Recht als „ebenso gut wie unbekannt“ bezeichnen. Sein Resümee: „Prachtvoll realistisch zuweilen, geil und groß.“

Mittlerweile liegen die Dinge anders. Spätestens seit der letzten Jahrhundertwende ist das Interesse der Forschung an diesem Werk rasant gestiegen. Marksteine sind dabei zwei grundlegende, 1977 und 1980 erschienene Aufsätze der Germanisten Christoph Cormeau und Ulrich Wyss und die kritische Ausgabe des Romans, die in zwei Bänden 2000 und 2005 erschienen ist, gleichzeitig mit Gudrun Felders profundem Stellenkommentar. 2012 publizierte Florian Kragl schließlich die erste neuhochdeutsche Übersetzung des Romans - nachdem bereits eine englische und eine französische erschienen waren. „Es scheint, dass zurzeit fast jeder über die ,Crône’ schreibt“, sagt die Gießener Altgermanistin Cora Dietl, die der deutsch-österreichischen Sektion der International Arthurian Society vorsteht.

Was hält diesen Roman zusammen?

Warum dieses neue Interesse an einem vergessenen Text? Vielleicht, weil in der Germanistik seit den siebziger Jahren generell das Verständnis für das Experimentelle bis hin zum Abseitigen zugenommen hat. Zudem ist ein Roman wie die „Crone“, der voller Verweise auf andere literarische Werke steckt, sie spiegelt oder konterkariert, ein gefundenes Fressen für eine intertextuell orientierte Forschung. „Die Machart der Krone bietet etwas, das mit einem poststrukturalistischen Textverständnis kompatibel ist“, sagt die Bochumer Literaturwissenschaftlerin Nicola Kaminski. „Gerade die Brüche im Text, die unter anderen Wertmaßstäben nur als misslungen gelten würden, bieten Ansatzpunkte für einen moderneren Zugriff, bei dem die Originalität eines Werks nicht als oberstes Qualitätskriterium gilt.“

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