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Die Lehre vom Nichtwissen : Alles, was man nicht wissen muss

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Wann, so fragte Weingart, wird es eine echte Wissenspolitik geben, die sich endlich damit befasst, wie, von wem und mit welcher Legitimation Wissen produziert, verbreitet und reguliert wird? Stefan Böschen (Würzburg) jedenfalls entwarf schon einmal die Landkarte einer „politischen Erkenntnistheorie“, in der die Reflexion des Nicht-Wissens Teil der politischen Entscheidungsfindung ist.

Wie tief sollte Kenntnis der eigenen Unkenntnis sein?

Und wie muss man es anstellen, wenn man nicht Wissen, sondern Unwissen produzieren will, fragte Torsten Wilholt (Bielefeld)? Ein möglicher Schritt ist, die Entstehung von Wissen zu verhindern, ein effektiverer, zu verhindern, dass sich die Menschen bewusst werden, etwas nicht zu wissen. Als letztes Mittel, so Wilholt, müsse man dafür sorgen, dass die Menschen ihr Unwissen nicht für tief halten. Denn je tiefer das Unwissen, desto größer der Sog, der von ihm ausgeht.

Dass all diese Tricks verwendet wurden und werden, zeigten die Vorträge von Peter Galison (Harvard) und Naomi Orestes (San Diego). Im Zweiten Weltkrieg und dem anschließenden Kalten Krieg, so Galison, wurden ganze Wissensbereiche Top secret: Radar, Nuklearwaffen, Atomenergie, stark radioaktive Elemente. Zudem wurde die Beweislast umgekehrt: Es ging nicht mehr darum, Informationen zurückzuhalten, vielmehr durften nur von der Behörde genehmigte Informationen veröffentlicht werden. Der Krieg gegen den Terror schließlich, in dem alles Ziel und jeder Täter sein kann, machte geheim, was noch übrig geblieben war: Wissen, Gesetze, die Infrastruktur vom Straßenbau über Deiche bis zur Stromversorgung.

Gemeinschaft der Leugner

Doch zu viel Geheimhaltung macht einen Staat nicht sicherer, warnte Galison: Menschen wollen wissen, was los ist. Wenn sie es nicht erfahren, kommen Verschwörungstheorien auf, die für eine Regierung gefährlicher sein können als mehr Offenheit. Naomi Orestes zeigte auf, wie in Amerika Tabakindustrie und die Leugner des Klimawandels, des Ozonlochs, des sauren Regens und der Gefährlichkeit von DDT personell und ideologisch zusammenhängen. Schon 1900 vermutetet Svante Arrhenius, Kohlendioxid könne die Atmosphäre aufheizen und berechnetet 1,5 bis 4,5 Grad Erwärmung für die Verdoppelung des Kohlendioxidgehalts. Spätestens 1990 waren sich die Experten über die Klimaerwärmung einig, so Orestes.

Dass die Bush-Regierung dennoch nichts unternahm, führte Orestes auf ein Memo aus dem George C. Marshall Institute zurück, das ganz nach der Manier der Tabakindustrie Zweifel sät: Man weiß es nicht genau, es ist zu früh zum Handeln. Zweifel allerdings, die man selbst in einer scheinwissenschaftlichen Parallelwelt produziert hatte, so Orestes. Dabei gehe es in diesem Streit gar nicht um wissenschaftliche Beweise, es gehe um die Rolle des Staates. Sozialisiert in Zeiten des Kalten Krieges, ist den Klimaskeptikern und Tabak-Lobbyisten jede Form der Regulation des Marktes nur ein erster Schritt auf dem Weg zum Sozialismus.

Privates und institutionelles Wissen im Konflikt

Norton Wise (University of California, Los Angeles) zeichnete den Betrug nach, der hinter einer Studie steckte, der zufolge Impfungen Autismus verursachen. Selbst nachdem die Sache aufgeflogen war, glaubte immer noch ein Viertel der Eltern, was die Studie fälschlich behauptet hatte. Das ist kein Informationsproblem, sondern ein generelles Problem des Misstrauens gegenüber dem medizinischen Establishment und der Wissenschaft, so Wise.

Den Grund dafür sieht er vor allem in der Kommerzialisierung des Wissenschaftsbetriebs. Der Normalbürger kann seriöse nicht von gekauften Studien unterscheiden und setzt lieber eigene Eindrücke an die Stelle wissenschaftlicher Information. Mehr private Forschungsgelder bedeuten weniger demokratische Kontrolle, so Wise. Agnotology ist demnach nicht nur die Theorie des Nichtwissens, sie handelt davon, wie Freiheit verlorengeht. Philip Kitcher brachte es auf den Begriff: Bürger demokratischer Staaten sollten sich Sorgen machen, um den Zustand ihrer Wissenschaft und um die Verteilung von Unwissenheit.

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