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: Die ganze Kunst der Astronomie umkehren

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Martin Luther war ein entschiedener, ja verstockter Gegner des kopernikanischen Weltbildes - diese Behauptung zieht sich durch die wissenschaftshistorische Literatur des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts.

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          Martin Luther war ein entschiedener, ja verstockter Gegner des kopernikanischen Weltbildes - diese Behauptung zieht sich durch die wissenschaftshistorische Literatur des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Noch 1986 erschien in dem Sammelband "God and Nature" die fragwürdige These Luthers über Kopernikus als den "Narren der Astronomie". Und auch bei Thomas S. Kuhn fand sich die Behauptung, Luther sei ein Gegner des neuen Weltbildes gewesen. Der Wissenschaftshistoriker Andreas Kleinert hat sich auf die Suche nach dem fragwürdigen Zitat gemacht und ist dabei auf überraschende Ergebnisse gestoßen ("Eine handgreifliche Geschichtslüge. Wie Martin Luther zum Gegner des copernikanischen Weltsystems gemacht wurde", in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, Jg. 26, Verlag Wiley-VCH, 2003).

          Denn im umfangreichen Lebenswerk von Luther gibt es nur eine einzige Stelle, eine Tischrede aus dem Jahr 1539 nämlich, in der Kopernikus überhaupt vorkommt. Johannes Goldschmidt, genannt Aurifaber, hatte diese 1566 verlegt. Und nur in dieser Ausgabe findet sich der Satz über Kopernikus: "Der Narr will die ganze Kunst Astronomiae umkehren." Dabei hat Aurifaber an jenem Gespräch gar nicht persönlich teilgenommen; erst sechs Jahre später kam er mit Luther zusammen. Im lateinischen Originaltext von Lauterbachs Tagebuch aus dem Jahr 1539 ist hingegen von dem "Narren" Kopernikus nichts zu finden. Seit 1916 steht der Text in der Weimarer Luther-Ausgabe zur Verfügung. Er hat aber offensichtlich nicht verhindern können, die irrige Meinung von Luther als einem Gegner des heliozentrischen Weltbildes unter Wissenschafts- und Kirchenhistorikern zu verbreiten.

          In Luthers umfangreichem Werk finden sich keine Hinweise über seine Haltung zum kopernikanischen Weltbild, das ihn offenbar nicht sonderlich interessierte. Tatsächlich ist der "Antikopernikaner" Luther ein Produkt des neunzehnten Jahrhunderts. Die katholischen Gelehrten Franz Beckmann und Franz Hipler hatten in mehreren Veröffentlichungen auf der Grundlage des Aurifaber-Zitates Luther zum entschiedenen Gegner des neuzeitlichen Weltbildes stilisiert; offenbar auch, um die katholische Position zum Heliozentrismus zu relativieren. So nahm die Verbreitung dieser Fehlinterpretation ihren Lauf. 1884 wurde in der angesehenen zweibändigen Kopernikus-Biographie von Leopold Prowe das angebliche Luther-Zitat gleichsam autorisiert. Rafael Ball

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