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: Die Dornenkrone war nicht im Paket

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In seinem klassischen Schelmenroman "Die Reliquie" (1887) schickt Jose Maria Eca de Queiroz einen jungen Mann auf eine turbulente religiös-erotische Abenteuerreise. Teodorico Raposo verspürt wenig Lust, einen ehrlichen Beruf zu ergreifen.

          In seinem klassischen Schelmenroman "Die Reliquie" (1887) schickt Jose Maria Eca de Queiroz einen jungen Mann auf eine turbulente religiös-erotische Abenteuerreise. Teodorico Raposo verspürt wenig Lust, einen ehrlichen Beruf zu ergreifen. Zu sehr lockt ihn das Erbe seiner ebenso reichen wie bigotten Tante. Vor ihr gibt der unersättliche Schürzenjäger und virtuose Kriecher den perfekten Frömmler. Um endgültig zum Alleinerben eingesetzt zu werden, verspricht er der Tante, ins Heilige Land zu fahren, um ihr eine Reliquie zu besorgen. Insgeheim aber hofft er auf exotische Liebesgenüsse.

          Als Reisebegleiter gewinnt der Portugiese den deutschen Altertumsforscher Dr. Topsius, der mit ihm, dürr und langbeinig wie ein "Storch mit Goldbrille", durch Palästina stakst, durchdrungen von seiner Mission, alle "Dunkelecken der Geschichte aufzuhellen". Ständig belästigt er Raposo, dessen erotische Ambitionen ihm natürlich fremd sind, mit unerbetenen Belehrungen, wie von einem deutschen Gelehrten nicht nur der Wilhelminischen Zeit kaum anders zu erwarten. Dennoch, die beiden sind Wahlverwandte, die dem gleichen "Heroismus dreister Behauptungen" nacheifern: der eine in der Religion, der andere in der Wissenschaft. Gemeinsam hecken sie den Plan aus, der Tante einen beliebigen Dornenzweig als Dornenkrone Christi unterzujubeln. Darauf leeren sie eine Flasche Champagner und schlafen ein.

          Nun folgt etwas Wunderbares: ein hundertseitiger Traum, in dem Raposo von Topsius durch das antike Jerusalem geführt wird. Schließlich begegnen sie dem historischen Jesus, "einem jungen Mann aus Galiläa, der, von einem großen Traum erfüllt, aus seinem grünen Dorf herabsteigt, eine ganze Welt zu verändern und einen ganzen Himmel zu erneuern". Raposo wird Augenzeuge der Passion. Alle ihre Stationen verfolgt er, bis ihn am Ende das Ostergerücht erreicht. Gerade will er dem Auferstandenen nachjagen, da wird er geweckt.

          Für seine dichte Beschreibung Jesu und Jerusalems hat sich Eca de Queiroz von Ernest Renans "Vie de Jesus" (1863) anregen lassen. Daß er aber einen sprichwörtlich deutschen Gelehrten zum Traumführer seines Helden gemacht hat, war eine kluge Wahl. Denn der Versuch, Licht ins Dunkel der Heilsgeschichte zu bringen, war zu seiner Zeit eine Spezialität der deutschen liberalprotestantischen Theologie. Man hat sich, unter dem Einfluß von Albert Schweitzer, daran gewöhnt, sie "Leben-Jesu-Forschung" zu nennen. Zu Unrecht, denn alle ihre Vertreter haben gebetsmühlenartig beteuert, daß sich eine Biographie aus den Quellen nicht erarbeiten läßt. Darum ersetzten sie das "Leben" durch das "Bild" Jesu, das "die Grundzüge seiner geistigen Eigenart und seiner religiösen Bestrebungen" (Adolf Jülicher) zeigt.

          Diese Forschungstradition wurde abgebrochen, als die "antihistoristische Revolution" in den zwanziger Jahren auch die evangelische Theologie erfaßte. Karl Barth und Rudolf Bultmann belegten die historische Rückfrage nach Jesus mit einem Bann, der erst in den fünfziger Jahren von Ernst Käsemann in Frage gestellt wurde. Da aber Käsemanns hermeneutische Mittel zu grob und sein historischer Sinn unterentwickelt waren, blieb es bei einem bloßen Protest gegen die Allmacht der dogmatischen Methode.

          Fern von deutschen Traditionen und Traditionsbrüchen, wurde in den Vereinigten Staaten vor einigen Jahren ein "third quest", eine dritte Suche nach dem historischen Jesus, ausgerufen. Die heutigen amerikanischen Exegeten kennen ihre liberalen Vorläufer aus dem alten Europa kaum. Dennoch sind Konvergenzen unübersehbar: in der Quellenkritik, der religionsgeschichtlichen Orientierung und im Bemühen, Jesus als Juden zu verstehen. Wie "the third quest" jetzt in Deutschland rezipiert wird, zeigt ein Sammelband (Jesus in neuen Kontexten, hrsg. von Wolfgang Stegemann u.a., Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2002). Eine Vielzahl von Aufsätzen versucht, neue Methoden aus den Vereinigten Staaten zu importieren: sozialgeschichtliche, ethnologische, kulturanthropologische Ansätze, aber auch moralpolitische Anliegen wie jüdisch-christliche Verständigung, Feminismus und Anerkennung des "anderen". Viel trägt dies nicht aus. Das meiste erschöpft sich im Bemühen, Anschluß an den gegenwärtigen akademischen Chic zu gewinnen. Jesus erscheint hier weniger in neuen Kontexten als in einem neuen Theoriedesign.

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