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Die deutsche Romantik : Schöne Kontroversen über das schlechthin Interessante

  • -Aktualisiert am

Kitsch ist ein Verfallsprodukt

Einen anderen Verlauf nahm die zweite Sektion (“Ist die Romantik tolerant?“): Nachdem sich der Referent Roland Borgards (Würzburg) und sein Respondent Ralf Simon (Basel) auf die frühromantische Theorie der „In/Toleranz“ bezogen hatten, schlug die Konkludentin Ethel Matala de Mazza (Berlin) eine ganz neue Richtung ein und lieferte nach, was in den Beiträgen ihrer Vorredner ihrer Ansicht nach zu kurz gekommen war. Am Beispiel von Brentanos Novelle „Die Schachtel mit der Friedenspuppe“ demonstrierte sie nachdrücklich, wie die romantische Intoleranz - und in diesem Fall heißt das vor allem: der romantische Antisemitismus - in der perfiden Erzähllogik dieses Textes realisiert wird und warum also reine Begriffsgeschichten in diesem Fall nichts erbringen. Insgesamt ergab sich so ein uneinheitliches, darin aber dem Thema durchaus angemessenes Bild.

Ein Höhepunkt des zweiten Tages war die Debatte zwischen Johannes Grave (Bielefeld), Ernst Osterkamp (Berlin) und Norbert Miller (Berlin) über die Frage nach dem romantischen Kitsch. Ausgehend von einer Analyse des Gemäldes „Das Haus der Desdemona“ von Friedrich Nerlys plädierte Osterkamp überzeugend dafür, Kitsch nicht - wie vorgeschlagen wurde - als eine der Bedingungen der Möglichkeit romantischer Kunst zu werten, sondern im Gegenteil als deren Verfallsprodukt. Überhaupt solle der erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts unter spezifischen Bedingungen aufgekommene Begriff nicht schon für die Zeit um 1800 verwendet werden. In der Diskussion wies Osterkamp auch auf das Wechselverhältnis von Historismus und Kitschproduktion hin, ein Thema, das der Aufarbeitung durch die Forschung dringend bedürfe.

Novalis ist der zentrale Autor

So klug sich Renate Lachmann (Konstanz), Eva Geulen (Frankfurt am Main) und Johannes F. Lehmann (Essen) auch damit auseinandersetzten: ob aus der Frage „Ist die Romantik modern oder vormodern?“ neue Forschungsperspektiven hervorgehen können, ist fraglich. Was in dieser Sektion jedoch deutlich wurde, war die traditionsbildende Kraft romantischen Denkens und Schreibens. Ihre Auswirkungen sind noch im beginnenden 21. Jahrhundert festzustellen.

Einen weiteren Beleg für die zukunftsweisende Modernität zumindest der Frühromantik lieferte Gerhard Neumann (München/Berlin) in der Sektion „Fetisch Fragment“ mit seinen Ausführungen zu Novalis, der sich spätestens damit als der zentrale Autor der Tagung erwies. Neumann deutete das enzyklopädistische Projekt des Novalis als Gegenentwurf zu dem enzyklopädischen Projekt der Aufklärung und zeigte, wie dann hundert Jahre später Kafka an das Novalissche (Un-)Ordnungs-Prinzip des „Schwarms“ anknüpfte und es auf seinen Band „Betrachtung“ übertrug. David E. Wellbery (Chicago) ergänzte Neumanns Perspektive, indem er nachwies, wie Novalis in seinen Fragmenten systematisch an Fichtes „Wissenschaftslehre“ anschloss, im Hinblick auf die Form der Darstellung davon jedoch entschieden abwich.

Der Stiftung geht es nicht wie der Literatur

Einen gelungenen Schlusspunkt setzten dann Günter Oesterle (Gießen) und Peter Schnyder (Neuchâtel) mit ihrer für das Ende der Tagung vielleicht etwas zu sehr auf Friedrich Schlegel zentrierten Debatte über „Die Romantik und das Interessante“, die in einer echt romantischen Konklusion der Konklusion dann allerdings von Liliane Weissberg (Philadelphia) vertieft und ausgeweitet wurde.

Die Stiftung für Romantikforschung wird ihre Arbeit einstellen. Um die Zukunft der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dieser Epoche muss man aber nicht fürchten. Bei der Tagung wurde sehr deutlich, dass es längst mehrere Generationen junger Forscher gibt, die die Ziele der Stiftung in neuen Konstellationen weiterverfolgen. Glücklicherweise geht es in der Wissenschaft (zumindest in diesem Fall) nicht so zu wie in der romantischen Literatur, wo - so der zu Beginn der Tagung zitierte Heine - „die Väter von den Söhnen totgeschlagen“ werden.

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