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Erzählen vom Ruhrbergbau : Glück auf, der Dichter kommt!

Welche Geschichten werden sie einmal erzählen? Esra Öznazik und Kaufe Gedik sind die letzten Auszubildenden im Bergwerk Prosper Haniel in Bottrop. Bild: dpa

Die Steinkohle an der Ruhr ist Geschichte: In diesem Jahr wird die letzte Zeche schließen. Heute schon boomt die Erforschung der Bedeutung dieser Zäsur.

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          Die Geschichtsschreibung hat Schritt gehalten. Keine Industrie in Deutschland ist so intensiv erforscht worden wie der Bergbau im Ruhrgebiet. Schon früh wurden Gesamtdarstellungen über die Region veröffentlicht, die davor kaum mehr als öde Heide war, zu jeder Zeche sind Unternehmensgeschichten erschienen, Arbeits- und Lebensverhältnisse, Strukturkrisen und Rationalisierungen wurden untersucht, nur wenige Bereiche wie die Betriebsführungsgesellschaften oder auch das Brauchtum kamen zu kurz oder wurden vernachlässigt; und jetzt, da die Steinkohlenförderung zum Jahresende eingestellt wird, erlebt die akademische Beschäftigung noch einmal einen Höhepunkt. Was bleibt, so der Historiker Stefan Goch, der diese Bilanz zieht, sind „eine grandiose Geschichte und grandiose Geschichten“.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Gründe dafür, so der Leiter des Instituts für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen, sind vielfältig: Der Bergmann sei der Prototyp des Industriearbeiters, der mit muskulösen Armen und nacktem Oberkörper starke Bilder liefere und eine kämpferische Militanz an den Tag lege; auch habe sich das Revier den Ruf besonderer Radikalität erarbeitet, welche die Mächtigen das Fürchten lehren könne. Der einschlägige Beleg dafür greift mehr als ein halbes Jahrhundert zurück: „Wenn es an der Ruhr brennt, hat der Rhein nicht genügend Wasser, das Feuer zu löschen.“ So gab sich der revierfremde Ostpreuße Rainer Barzel im Landtagswahlkampf 1966 beunruhigt.

          Der Pionier Klaus Tenfelde

          Schließlich verwies Goch auf biographische Verbindungen und Strukturanalogien: „Es gibt die Bergbaugemeinschaft und die Gemeinschaft der Bergbauhistoriker“, zitierte er seinen Kollegen Klaus Tenfelde (1944 bis 2011), der im Bergwerk eine Lehre gemacht, ein Jahr als Knappe gearbeitet und, nach nachgeholtem Abitur und Studium, bis kurz vor seinem Tod das Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum geleitet hat. Der personifizierte Strukturwandel.

          Die sozialwissenschaftliche Bestandsaufnahme stand am Anfang einer Tagung, die, veranstaltet vom Fritz-Hüser-Institut im Westfälischen Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund, Lyrik und Prosa zwischen Flöz und Förderturm in den kritischen Blick nahm: „Leben in der Arbeitslandschaft. Narrationen des Ruhrbergbaus“. Dass Wesentliches dazu schon beobachtet und beschrieben wurde, stellte Arnold Maxwill, der das Programm konzipiert hatte, gleich in der Einführung fest und sah das auch dadurch bestätigt, dass auf seinen Call for Papers kein einziger Beitrag eingegangen war, der sich einem „klassischen“ Bergbauschriftsteller gewidmet hätte. Selbst seine Versuche, dies nachträglich zumindest für die Romane Max von der Grüns oder das Werk von Hans Marchwitza aufzufangen, seien kläglich gescheitert. „Die Literatur von Wohlgemuth & Co.“, so sein vorweggenommenes Fazit, „spricht ganz offensichtlich nicht mehr.“

          Chronik eines angekündigten Todes

          Sie dennoch zum Sprechen zu bringen – dafür gibt es in diesem Jahr finanzielle Anreize. Das Ruhrgebiet feiert den Abschied von der Kohle, mit der Stilllegung der letzten Zeche, Prosper Haniel in Bottrop, geht der Bergbau in Deutschland zur Neige, das Zeitalter der großen Industrie läuft aus, und die RAG-Stiftung, die 2007 gegründet wurde, um den Übergang sozialverträglich abzufedern und die „Ewigkeitskosten“ zu tragen, stellt knapp fünfzehn Millionen Euro für ein Veranstaltungsprogramm bereit, dessen „Glückauf Zukunft!“ auf Zuversicht stimmt: Ausstellungen und Aufführungen, Kunst und Konzerte, Projekte und Podien, Lesungen und Tagungen, auch Sport und Folklore stehen auf dem Kalender. Subventionierte Erinnerung an eine Industrie, die schon seit sechzig Jahren auf dem Rückzug ist und von der Prosper Haniel nur der letzte Nachzügler ist. Ein Ende, das, lange vorbereitet, vor allem symbolische Bedeutung hat.

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