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Deutscher Historikertag : Warum wir nicht in der Provinz bleiben

Nicht ohne lange Büchhertische: Auf dem diesjährigen Deutschen Historikertag in Berlin Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Nun wird die Ernte der wissenschaftlichen Innovation und der neuen Perspektiven eingefahren: Der Historikertag in Berlin konnte sich auf ältere Kontroversen kaum noch einen Reim machen.

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          Wann war noch gleich der Trierer Historikertag gewesen? Der ältere Herr in der ersten Reihe des überfüllten Hörsaals der Humboldt-Universität zu Berlin stellt das Zunftgedächtnis auf die Probe. Damals, 1986, habe man eine Sektion abgehalten über den deutschen Sonderweg, geleitet von Heinrich August Winkler, und er, der Wirtschaftshistoriker Wolfram Fischer von der Freien Universität Berlin, sei allein gewesen mit seiner Ansicht, dass es den Sonderweg nie gegeben habe. An diesem Nachmittag des 48. Deutschen Historikertags, vierundzwanzig Jahre später, habe er nun genau zugehört, aber der Sonderweg sei überhaupt nicht erwähnt worden. Helmut Walser Smith aus Nashville in Tennessee, der in dieser Sektion mit einigen seiner Autoren das von ihm herausgegebene "Oxford Handbook of Modern German History" vorstellt, bestätigt, dass Fischer nichts überhört hat: In dem von 37 Forschern verfassten Handbuch, das im kommenden Jahr bei Oxford University Press erscheinen soll, wird der Sonderweg auf keiner Seite erwähnt.

          Patrick Bahners
          (pba.), Feuilleton

          Als der Historikertag in Trier tagte, tobte in der Presse der "Historikerstreit" um Ernst Noltes Spekulationen über einen kausalen Nexus zwischen Oktoberrevolution und Holocaust. Die Führung des Historikerverbands setzte keine Aussprache darüber auf die Tagesordnung; es gab nur eine Podiumsdiskussion über einen Nebenaspekt, die Figur der deutschen "Mittellage". Jürgen Habermas und seine Gewährsleute unter den Historikern wie Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka zogen zu Felde gegen neue nationalistische Tendenzen. Des Revisionismus machte sich in dieser Schlussphase des Kalten Krieges schon verdächtig, wer - man muss das so ausführlich berichten, so fern ist es uns gerückt - geopolitische Zusammenhänge berücksichtigte, die geographischen Bedingungen politischer Entscheidungen. Der Hinweis auf Deutschlands heikle Lage inmitten potentieller Feinde war suspekt, weil der Druck auf die Grenzen im Kaiserreich als Argument gegen die Parlamentarisierung verwendet worden war: Die Außenpolitik, das war eine Lektion aus den imperialistischen Träumen von 1848, sollte nicht den Leidenschaften des Volkes ausgeliefert werden.

          Profilierung jenseits nationaler Themen

          Mit dem Fall der Berliner Mauer schien der Ernstfall eingetreten, der im "Historikerstreit" an die Wand gemalt worden war. Aber die nationale Mobilmachung der Historikerschaft blieb aus. Im Jahr der Zwanzigjahrfeier der Wiedervereinigung konnte sich der Historikertag nun das Leitthema "Über Grenzen" geben, ohne den Verdacht zu wecken, ein grenzrevisionistisches Projekt im Stil der "Ostforschung" der Zwischenkriegzeit zu verfolgen oder auch nur dessen "weiche" Variante, die Beglückung der Kollegen in den Nachbarländern mit fortgeschrittener deutscher Methodik. Die Unbefangenheit ist der Nebeneffekt eines Professionalisierungsschubs, der Entprovinzialisierung der Gegenstandswahl.

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