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Deutscher Historikertag : Die These vom Sonderweg war ja selbst einer

Nicht ohne hohen Gast aus der Politik: Joachim Gauck zwischen dem Vorsitzenden des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands Martin Schulze Wedel (links) und dem Vorsitzenden des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands Ulrich Bongermann. Bild: dpa

„Gewinnen und Verlieren“: Beim 50. Deutschen Historikertag in der Lokhalle in Göttingen wurden alle Assoziationen ausgereizt. Ein Bericht vom größten akademischen Stammestreffen.

          6 Min.

          Historikertage sind wie Soziologentage, Germanistentage, Politologentage und Philosophentage. Zusammenkünfte der Großfamilien eben, mit Onkel Uli, Cousin Paul, Opa Gerhard und Tante Ute, Klatschbörsen und Netzwerkpflegestätten. „Gute Geschäfte“ wünscht man dem drittmittelstarken Kollegen beim Frühstück, trifft mittags den Verleger, spricht abends maliziös über Abwesende. Weswegen auch jetzt in Göttingen beim 50. Deutschen Historikertag wieder einmal fast niemand abwesend war. Es ist einfach zu riskant. Der typische Historikertagsblick geht im Gespräch – und zwar ganz gleich, ob man selbst gerade etwas sagt oder die anderen – immer leicht schräg über die Schulter des Gegenübers hinweg, um zu „screenen“, wer alles noch so durchs Bild läuft.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Zugleich werden solche Stammestreffen für die Öffentlichkeit ausgerichtet. Die Historiker lieben es beispielsweise selbst dann, wenn ihre Vereinsvorsitzenden Slawisten, Marxisten, Systemtheoretiker oder Religionshistoriker sind, hohe Repräsentanten des Staates einzuladen. Rau, Simonis, Lammert, Köhler, Merkel, Voßkuhle, Gauck – das ist die Festrednerliste der vergangenen zehn Jahre. Das zeigt einerseits nach außen, wen man bekommt. Das zeigt andererseits von innen, dass sie bei Geschichte, wenn die ganzen Verbeugungen vor Globalität, Mentalität, Kultur und Kapitalismus gemacht sind, eben doch zuerst an deutsche Politik denken. Man kann vermutlich lange warten, bis zum ersten Mal ein Bankier, eine Schriftstellerin oder ein Ausländer den Historikertag eröffnet.

          Titel wendet sich an imaginäre Öffentlichkeit

          An eine imaginierte Öffentlichkeit wenden sich vermutlich auch die Titel des Historikertags. Diesmal hat man „Gewinnen und Verlieren“ gewählt, vorher gab es genauso sinnlose Aufschriften wie „Über Grenzen“, „Ungleichheiten“ oder „Kommunikation und Raum“. Dabei war der Verband 2006 schon einmal fast so weit, die Wahrheit über beliebig erfindbare Nullformeln festzuhalten, als der Tagungstitel „Geschichtsbilder“ hieß. Wäre es nicht an der Zeit, einmal zum Thema „Vergangenheit“ zu tagen?

          Das mit Gewinnen und Verlieren führt, wie alle anderen Überschriften, nämlich nur dazu, dass Vorträge über die Geschichte der urbanen Hundehaltung oder die Kuh als historisches Zugtier zu einer Veranstaltung „Tiere als Gewinner und Verlierer der Moderne“ gebündelt werden. Als hätten sie etwas gemeinsam mit den anderen Gewinn-und-Verlust-Beiträgen über den frühneuzeitlichen Diamantenhandel, die aristokratische Ämterkonkurrenz in der römischen Republik, das Ende des Ersten Weltkrieges oder mit Diskussionen über das Drittmittelgebalge in der Geschichtswissenschaft.

          „Emotionsgeschichte“ im Visier

          Man hätte also genauso gut auch „Oben und unten“ oder „Das große Durcheinander“ draufschreiben können. Ein wenig ist es wie bei dem Einwand, den der österreichische Historiker Valentin Groebner (Luzern) bei einer Podiumsdiskussion zu Recht gegen die sogenannte Emotionengeschichte vorbrachte: Was, wie Gefühle, so gut wie jegliche Handlung begleitet und in praktisch jeder Quelle dokumentiert ist, davon kann man keine Geschichte schreiben. Eine sinnvolle Einheit dessen, was die Historiker tun, die sich durch alle ihre Forschungen zöge, gibt es nicht. Und wenn die Göttinger Stichprobe nicht täuschte, dann gibt es nicht einmal Hauptlinien oder Trends.

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