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Deutsche Hymne : Land der Arbeit, Land der Pflicht

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Vor jedem Länderspiel die Hymne: Jürgen Klinsmann und sein Trainerteam während der Weltmeisterschaft 2006 Bild: dpa

An der Suche nach einer neuen Nationalhymne für die junge Bundesrepublik beteiligten sich auch zahlreiche Bürger. Ihre Vorschläge waren sehr unterschiedlich.

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          Nach der Gründung der Bundesrepublik stellte sich die Aufgabe der Repräsentation Deutschlands durch Nationalsymbole neu. Schwierigkeiten bereitete nicht nur die Frage, wen und was man im Westen repräsentieren durfte und wollte. Auch der allgemeine Umgang mit nationaler Repräsentation und das Anknüpfen an tradierte Formen der Staatssymbolik waren infolge der bombastischen NS-Praxis heikel. Ein besonderes Problem stellte die künftige Nationalhymne in Melodie und Text dar.

          Dass das Grundgesetz die Frage der Nationalhymne offengelassen hatte, konnte nur ein Übergangsstadium zu einer dauerhaften Lösung sein. Über die Möglichkeiten zerbrachen sich aber nicht nur die Politiker den Kopf, auch die Bürger geizten nicht mit Vorschlägen, die sie auch in brieflicher Form ihren Vertretern zukommen ließen. Der Historiker Clemens Escher hat 212 Zuschriften zur künftigen Nationalhymne an das Bundeskanzleramt aus den Jahren 1949 bis 1952 untersucht und dabei neben maßvollen Ideen auch allerlei Kuriosa ausgegraben (Clemens Escher, „Deutschland Deutschland Du mein Alles. Hymnenvorschläge aus der bundesdeutschen Bevölkerung 1949-1952“, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 58, Heft 11, Metropol Verlag Berlin 2010).

          Während die Antworten aus dem Bundeskanzleramt, dem Bundespräsidialamt und dem Bundesinnenministerium eher formal und schematisch abgefasst waren, trieb die Briefeschreiber aus der Bevölkerung ein konkretes inhaltliches Anliegen um. Die Bürger warteten mit Vorschlägen zu einer neuen Melodie auf, die die Haydnsche ersetzen sollte oder - was häufiger geschah - sie blieben bei ihr, unterlegten sie mit einem neuen Text. Diese Abkehr von der ersten Strophe des 1841 von Hoffmann von Fallersleben gedichteten Deutschlandlieds unterstrich die Distanzierung von nationalistischen Tönen.

          Nur wenige Ausnahmen: Die meisten Spieler singen mit

          Stein des Anstoßes

          Theodor Heuss verfolgte sogar das Projekt einer „Hymne an Deutschland“. Doch die Auftragsarbeit fand trotz des Werbens des Bundespräsidenten keinen Anklang, und viele der Briefe an Adenauer oder Heuss spiegelten gerade den Wunsch nach einer Rückkehr zum vertrauten Deutschlandlied. Die neue Hymne hatte nie eine echte Chance. Gottfried Benn spottete gar, der Text sei „etwas marklos“, und sah als nächsten Schritt ein „Kaninchenfell als Reichsflagge“. Auch Neuvertonungen wie die eines Kölner Heimatschriftstellers und Musikdirektors, der am 18. März 1951 mit dem Männergesangsverein „Polyhymnia“ schon eine Platte aufgenommen hatte, blieben chancenlos, was aber auch am etwas prosaischen Heimatlob gelegen haben mag: „Du Land der Arbeit, Land der Pflicht, / Ich reiche Dir die Hand, / Nie leiste ich auf die Verzicht, / Geliebtes Heimatland.“

          Die Rückkehr zum Deutschlandlied war überwiegend erwünscht, seine erste Zeile blieb aber Stein des Anstoßes und wurde oft umgedichtet. Die Novellierung durch die Briefeschreiber sollte dem Text die Spitze nehmen, „chauvinistische Tendenzen“ durch Modulation verhindern, und - wie man erhoffte - „jede Missdeutung seitens des Auslandes ausgeschlossen“ sein. Freilich fanden sich auch Vorschläge, die weniger sensibel waren: „Halt dem Freund die deutsche Treue, / zeig' dem Feind die deutsche Faust, / die, wird sie herausgefordert, / wuchtig auf ihn niedersaust“, heißt es in einem Vorschlag vom September 1951.

          Historischer Identifikationswert

          Die meisten Autoren gaben sich friedlicher, aber sie rekurrierten auch auf ein Element, das 1841 noch gefehlt hatte: Gott fand nun Eingang in beinahe jeden Vorschlag: „Gott erhalte, Gott beschütze / unser liebes Vaterland / Einheit sei des Bundes Stütze / Eintracht ist das stärkste Band!“ Konservative Utopien wechselten mit Vorstellungen einer strafenden - wie künftig die Deutschen hoffentlich belohnenden - höheren Instanz. Andere Briefeschreiber verknüpften Antikommunismus mit Europabegeisterung oder dem Abendlandmythos und spiegelten damit die Gefühlswelt des Kalten Krieges. Dahinter waren Fragen der deutschen Schuld verschwunden oder wurden allenfalls verbrämt thematisiert.

          Zugleich fanden sich Kontinuitäten zur Volksgemeinschaftsdiktion der NS-Zeit. Reichsidee und (erhoffte) künftige Zugehörigkeit zu den Vereinten Nationen passten in eine Strophe: „Schwarz, rot, gold bleibt unsere Fahne, / Republik das vierte Reich, / Und vom Enkel bis zum Ahnen, / Sind wir eines Sinnes gleich.“

          Obwohl keiner dieser Vorschläge auch nur ernsthaft geprüft wurde, spiegelten sie doch eine Stimmung, die die Politik respektieren musste. Die Rückkehr zum Hoffmann-Haydnschen Lied im April 1952 unter der Maßgabe, dass nur die dritte Strophe zu singen sei, verdeutlichte, dass es auch bei der Hymne keine „Stunde null“ gab. Das Lied der Deutschen besaß einen hohen emotionalen Gehalt und historischen Identifikationswert, gegen den Heuss' Vorschlag chancenlos war.

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