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: Der Stamm als Schutz

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Ein zentrales Symptom der großen Krise des Westens, schreibt Georges Balandier in seinem neuesten, in Frankreich vieldiskutierten Buch ("Le grand derangement", PUF, Paris 2005), ist der Zwang zur ständigen Bewegung.

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          Ein zentrales Symptom der großen Krise des Westens, schreibt Georges Balandier in seinem neuesten, in Frankreich vieldiskutierten Buch ("Le grand derangement", PUF, Paris 2005), ist der Zwang zur ständigen Bewegung. Permanent würden neue Welten angetippt, ohne daß wir uns damit orientieren könnten. Die Globalisierung gehe einher mit der großen Unordnung der Welt, die in virtuelle Gegenwärtigkeiten und ihrer unerschöpfbaren Faszination am Exzeß gebannt sei. Daher gelte es in den Sozial- und Kulturwissenschaften Wege zu beschreiten, die sich weder der verbreiteten pessimistischen Litanei über die Befindlichkeit der Welt hingeben noch einer blinden Faszination über technologische Möglichkeiten erliegen.

          Wieder einmal erweist sich Balandier als scharfsinniger und genauer Beobachter gesellschaftlicher Zustände. Afrika spielt in "Le grand derangement" freilich kaum eine Rolle. Berühmt wurde der unermüdlich publizierende Soziologe und Ethnologe, der unlängst seinen fünfundachtzigsten Geburtstag feierte, vor über fünf Dekaden jedoch als innovativer Interpret der Regionen südlich der Sahara. In zahlreichen, heute als Klassiker geltenden Monographien wie "Sociologie actuelle de l'Afrique noire", "Sociologie des Brazzavilles noires" (beide 1955) und "Afrique ambigue" (1957) stellte Balandier viele der bis dahin gängigen Lehren über Kolonialismus und gesellschaftliche Ordnungen in Afrika in Frage. Er brach überdies radikal mit den im Frankreich der frühen fünfziger Jahre dominanten ethnologischen Tendenzen. Sein Plädoyer für eine dynamische Soziologie der Moderne in Afrika ging einher mit scharfer Kritik etwa an der Schule Marcel Griaules, die sich auf die Bedeutung von Ritualen, Mythen und Symbolen beschränkte. "Eine Ethnologie, welche die gegenwärtige Situation ihrer Untersuchungsgegenstände ignoriert", mahnte er, "pfeift auf die Welt, in der sie existiert."

          Balandier reiste nach Studium und Tätigkeit am Musee de l'Homme erstmals 1946 mit einem Forschungsauftrag des Office de Recherches Coloniales nach Afrika. Er sollte das Leben von Fischern in der Nähe der senegalesischen Hauptstadt Dakar untersuchen. Dort traf er keineswegs auf die primitiven Gesellschaften, über die seine Professoren in Paris gelehrt hatten. In Dakar sprach er mit radikalen Intellektuellen und Gewerkschaftlern, später in Brazzaville tauchte er ein in die bidonvilles der Arbeiter. Afrika erwies sich nun, wie er später einmal bemerkte, als seine "wahre Sorbonne".

          So veröffentlichte Balandier die ersten soziologisch-anthropologischen Studien überhaupt, die sich mit dem städtischen Leben im frankophonen Afrika beschäftigten. Darin beschrieb er prekäre Lebensbedingungen, rapide Mobilität, den Zusammenbruch von Verwandtschaftsstrukturen, aber auch weiterbestehende Verbindungen zu den ländlichen Herkunftsregionen. Er war aber nicht nur an der Mikropolitik in den Städten interessiert. Ebenso analysierte Balandier die umfassende Machtstruktur - die "koloniale Situation" -, in der Bauern und Städter in Afrika ihr Überleben zu organisieren versuchten. Leidenschaftlich kritisierte er in diesem Zusammenhang die zu der Zeit verbreitete Vorstellung, primitive Gesellschaften würden nun durch eine moderne Ökonomie sukzessive transformiert.

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