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: Der Mensch als Mischwesen

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Im Pariser Salon sorgte 1880 ein Bild des Historienmalers Fernand Cormon für Furore: "Kain". Es zeigte die Flucht Kains und seiner Familie in die Verbannung, die Gott als Strafe für den Mord an Abel verhängt hatte.

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          Im Pariser Salon sorgte 1880 ein Bild des Historienmalers Fernand Cormon für Furore: "Kain". Es zeigte die Flucht Kains und seiner Familie in die Verbannung, die Gott als Strafe für den Mord an Abel verhängt hatte. Alarmierend allerdings war der Aufzug der Familie Kain: Nur spärlich mit einem Fellschurz bekleidet, bucklig und mit gebeugten Knien hastet Kain durch das monumentale Format, gefolgt von einer zotteligen Sippe, die einen Thron aus Baumstämmen hinterherträgt. Im Zentrum der schlammfarbenen Prozession sitzt Kains Frau, auf ihrem Schoß den Nachwuchs, in ihrem Rücken Jagdbeute, um sie herum eine durch die Wüste stapfende Meute. Aus Kain war der Anführer einer steinzeitlichen Horde geworden, der mit dem Mord an Abel gerade den Sieg des Stärkeren davongetragen hatte. In einer Kritik hieß es, Monsieur Cormon habe sich offenbar den abenteuerlichsten von Darwins Schülern angeschlossen.

          Cormon war kein Einzelfall. Die Erschütterung, die 1859 von Charles Darwins Werk "Die Entstehung der Arten" ausging, versetzte die Phantasie von sehr unterschiedlichen Künstlern in ein heftiges Nachbeben. Um die Epiphänomene, die Darwins Theorie in der Kunst auslöste, zu sammeln, schlägt die englische Kunsthistorikerin Linda Nochlin den Begriff des "Darwin-Effekts" vor. Unter diesem Titel haben nun mehrere Kunsthistoriker in der Internet-Zeitschrift "Nineteenth-Century Art Worldwide" die Bewegungen vom Realismus bis zum Symbolismus nach Spuren des Darwinismus durchforstet.

          Das Beweismaterial ist schlagend. Von Cormon bis Degas, von Klinger bis Redon - sie alle bekundeten reges Interesse an den wissenschaftlichen Debatten ihrer Zeit. Wer bisher etwa in den Mischwesen eines Max Klinger nur Symbolismen sah, die aus einer psychologischen Innenwelt hervorsprießen, sollte ein zweites Mal hinsehen (Marsha Morton: Impulses and Desires. Klinger's Darwinism in Nature and Society, in: http://19thc-artworldwide.org/spring_03/). Gleicht beispielsweise der Handschuh stehlende Unhold, der in dem berühmten graphischen Zyklus "Ein Handschuh" aus dem Fenster fliegt, nicht verblüffend dem geflügelten Dinosaurier Archeopteryx, der als fossiler Kronzeuge der Evolutionstheorie gilt? Der Künstler selbst machte aus seinen Vorbildern keinen Hehl.

          Bereits 1875 nannte er eine Radierung, in der ein Pavian einen bärtigen Gelehrten umarmt, "Die Darwinsche Theorie". Klinger war gerade achtzehn geworden und hatte begeistert die deutsche Gesamtausgabe Darwins gelesen, die ein Jahr zuvor erschienen war. Schon in seinen frühen Skizzenbüchern finden sich Entwürfe nach Stichen aus Alfred Edmund Brehms Werken, einem treuen Anhänger Darwins, dessen sechsbändiges "Illustrirtes Thierleben" die Nähe von Mensch und Tier in Wort und Bild verhandelte. Über die Jahre verfolgte Klinger die Debatten um die Evolutionstheorie in der "Leipziger Illustrirten Zeitung", einem überregionalen Presseorgan aus der Hochburg der naturwissenschaftlichen Popularisierung und gleichzeitig die Stadt, in der auch der Künstler die meiste Zeit lebte.

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