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: Der Maler bringt die Gaben

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Das Angebot konnte der Vorstand der Rochus-Bruderschaft in Venedig nicht ausschlagen: Jacopo Tintoretto, seit 1575 selbst Mitglied der Bruderschaft, bot an, das Bild für das Mittelfeld der Decke des großen Versammlungssaales ohne Bezahlung zu malen.

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          Das Angebot konnte der Vorstand der Rochus-Bruderschaft in Venedig nicht ausschlagen: Jacopo Tintoretto, seit 1575 selbst Mitglied der Bruderschaft, bot an, das Bild für das Mittelfeld der Decke des großen Versammlungssaales ohne Bezahlung zu malen. Das Gremium stimmte abermals zu, als Tintoretto anbot, auch die weiteren Deckenbilder in diesem Raum zu gestalten, ohne mehr als die Materialkosten in Rechnung zu stellen. Wenig später wurde der Auftrag noch ausgeweitet: Tintoretto verpflichtete sich, jedes Jahr zum Namenstag des Pestheiligen drei Bilder abzuliefern. Leinwand und Farbe wolle er selber bezahlen, wenn man ihm eine jährliche Leibrente von hundert Dukaten bewillige.

          Mehr als zwanzig Jahre, mit Unterbrechungen, arbeitete Tintoretto an der Ausstattung der Scuola Grande di San Rocco in Venedig. Entstanden ist ein einzigartiges Ensemble von 62 Gemälden, die sich noch heute an ihrem ursprünglichen Ort befinden. 1564 hatte die Bruderschaft einen Wettbewerb zur Ausmalung des Albergo-Saales ausgeschrieben. Der große Tizian machte ein Angebot, aber der geforderte Preis erschien zu hoch. Hinter den Kulissen wurde mit allen Mitteln gekämpft. Aber noch bevor der Wettbewerb offiziell ausgeschrieben wurde, machte Tintoretto der Bruderschaft ein Geschenk. Anstatt, wie üblich, zunächst einen Entwurf, ein Bozzetto einzureichen, übergab er das bereits fertig ausgeführte Gemälde. Im Vorstand entbrannte daraufhin ein heftiger Streit zwischen Tintoretto-Gegnern und Befürwortern, der in einer Abstimmung am 29. Juni 1564 zu Tintorettos Gunsten ausging. Mit seiner Großzügigkeit hatte er sich den prestigeträchtigen Auftrag gesichert. Was einmal gelungen war, mag sich Tintoretto gedacht haben, konnte auch ein zweites Mal gelingen, als es nämlich zehn Jahre später um die Ausgestaltung der Sala Superiore ging und der Maler die Bruderschaft wieder mit einem Geschenk für sich gewann.

          Die Scuola Grande di San Rocco besteht im wesentlichen aus drei Räumen, die Tintoretto zusammen mit seiner Werkstatt ausgestattete. Im Erdgeschoß befindet sich die Sala Terrena, im Obergeschoß die Sala Superiore, der prachtvolle Hauptversammlungssaal der Bruderschaft, und daneben die vergleichsweise kleine Sala d'Albergo, Sitzungssaal des Vorstands und Aufbewahrungsort wertvoller Reliquien des Pestheiligen. Das Bildprogramm in diesem Saal ist der Passion Christi gewidmet. Den Raum beherrscht eine Kreuzigungsdarstellung mit den gewaltigen Maßen von fünfeinhalb mal zwölf Metern, eines der bedeutendsten Werke des Malers. John Ruskin riet, dieses Gemäldes einfach auf sich wirken zu lassen, denn es sei über jede Analyse und jedes Lob erhaben.

          In der linken unteren Ecke des Bildes befindet sich eine Inschrift, die den Auftraggeber und den Namen Tintorettos nennt, der sich hier in einem kleinen Wortspiel als "Tinctorectus", als "aufrechter Färber" (Tinctor rectus) bezeichnet. Im Hintergrund des Gemäldes hat sich der Maler zudem selbst verewigt. Mit ausgestrecktem Arm weist er auf das vom ihm in Szene gesetzte Bildgeschehen. Die ziemlich protzig inszenierte, auf einem (gemalten) Sockel angebrachte Inschrift schien lange Zeit die einzige Signatur Tintorettos in all seinen für die Scuola geschaffenen Gemälden zu sein. Daß sie gerade auf dem größten aller Bilder angebracht ist, dürfte kein Zufall sein.

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