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: Der Kampf der Logik mit der Liebe

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Arthur Goldschmidt gilt unter Kennern mit seinen Arbeiten zur Elfenbeinskulptur als einer der Großen der Kunstgeschichte, aber er stand lange im Schatten illustrer Namen. Aus Anlaß von Goldschmidts Antritt ...

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          Arthur Goldschmidt gilt unter Kennern mit seinen Arbeiten zur Elfenbeinskulptur als einer der Großen der Kunstgeschichte, aber er stand lange im Schatten illustrer Namen. Aus Anlaß von Goldschmidts Antritt seines ersten Ordinariats an der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg im Jahre 1904 unternahm es nun eine von Heinrich Dilly an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ausgerichtete Konferenz, an den hamburgisch-jüdischen Gelehrten zu erinnern.

          Der Bankierssohn Goldschmidt, der bald zur führenden Autorität auf dem Gebiet der bildenden Kunst des Mittelalters aufstieg, reüssierte nicht mit Würfen zur Renaissance oder den italienischen Meistern, sondern mit materialreichen Analysen etwa zur Lübecker Malerei oder zur sächsischen Skulptur. Gerade die positivistische Genauigkeit und die Vermeidung alles Schwärmerischen jedoch verleiht seinen vielseitigen Schriften ihre Dauer, wie Ulrich Kuder (Kiel) für Goldschmidts Studien zur Buchmalerei und Ulrike Koenen (Düsseldorf) für das von ihm inaugurierte vielbändige Korpus zur Elfenbeinskulptur ausführten. Die im nicht nur rhetorische, sondern wirkliche Orientierung an Technik und Naturwissenschaft stellte Bruno Klein (Dresden) in Bezug auf Goldschmidts Einsatz des neuen Mediums Fotografie heraus, während Henrik Karge (gleichfalls aus Dresden) das geradezu kriminalistische Vorgehen als überbietende Schülerschaft Anton Springers skizzierte. Aber Goldschmidts Methode des Sammelns, Ordnens und Beschreibens hatte auch einen natürlichen Feind: die Langeweile.

          Die Karrieren seiner Schülern weisen nicht selten einen Knick auf. Die Abkehr von Goldschmidts Verfahren zeigte Leonhard Helten (Halle) an der bis heute zu Recht berühmten Dissertation Hans Jantzens über das niederländische Architekturbild. Pikanterweise orientiert sich Jantzens problemgeschichtliche Abhandlung durchaus an den Kategorien Alois Riegls, was schlecht mit Goldschmidt zusammengeht. Allerdings, so Heltens Fund, betrifft dies nur die Buchfassung von 1910, während die eingereichte Dissertation von 1906 eine reine Fleißarbeit der Goldschmidt-Schule darstellte. Ähnlich wandten sich Alexander Dorner, Max Deri oder der bekannte Kunst- und Architekturkritiker Adolf Behne nach der Promotion von ihrem Lehrer ab.

          Daß von der frühen deutschen Kunstgeschichte entscheidende Impulse für die amerikanische Variante der Disziplin ausgingen, ist bekannt, wird aber meist, wie Rüdiger vom Bruch (Berlin) bemerkte, auf die Emigration nach 1933 zurückgeführt. Mit der Darstellung der kaum bekannten Vorreiterrolle Goldschmidts in den zwanziger Jahren erreichte die Hallesche Tagung ihren Höhepunkt. In den Vereinigten Staaten war er bekannt, und Harvard versuchte immer wieder, ihn als Gastdozenten zu gewinnen. Wie Kathryn Brush (Western Ontario) darlegte, ging mit dem erfolgreichen Export von Goldschmidts Methodik und des deutschen Seminarstils - die Fürsprache der spendablen Brüder Paul und Felix Warburg darf nicht unerwähnt bleiben - das auf Verwissenschaftlichung zielende Kalkül der amerikanischen Kollegen auf. Die Umwerbung war einzigartig. Im Dezember 1936 unterbreitete man Goldschmidt während einer Reise das Traumangebot einer hochdotierten Stelle als Leiter des geplanten Forschungsinstituts für byzantinische Kunstgeschichte in Harvard. Aber der bekennende Preuße lehnte ab, kehrte nach Berlin zurück - und mußte wenig später ins Schweizer Exil fliehen, wo er sich weiterhin aller amerikanischen Avancen erwehrte.

          Gunnar Brands (Halle) sprach deshalb von "Realitätsblindheit und Altersstarrsinn", während Reiner Haussherr (Berlin) durchaus Verständnis dafür aufbrachte, daß der vierundsiebzigjährige Gelehrte vor einer endgültige Emigration in die Vereinigten Staaten zögerte. Auch eine lebenslang ambivalente Haltung gegenüber dem eigenen deutsch-jüdischen Hintergrund spielte hinein. Colin Eisler (New York) wollte gar ein "internalisiertes Inferioritätsbewußtsein" ausgemacht haben. Aber diese These paßt schlecht zu der stolzen Bemerkung aus der Hallenser Zeit, als Goldschmidt anläßlich der Rückberufung nach Berlin auf die vom Kaiser zunächst noch erhobene Forderung der Konversion in einem Telegramm antwortete: "Bleibe Jude, bleibe Halle". Ganz anders argumenierte Margret Olin (Chicago), die aus den letzten Basler Dokumenten sogar eine Identifikation mit dem zur Wanderschaft gezwungenen Ahasver herauslas.

          Eine der wenigen nicht fachwissenschaftlichen Stellungnahmen des Gelehrten datiert auf das Jahr 1933, als Goldschmidt auf dem 13. Internationalen Kongreß für Kunstgeschichte in Stockholm als Zeichen der Mißbilligung der politischen Entwicklung in Deutschland zum Ehrenpräsidenten ernannt worden war. In seiner Dankesrede beschwor er die Ewigkeit der Logik, um dann aber zu konstatieren, daß sie in einen unendlichen Kampf mit der Liebe verwickelt sei. Gemeint war die Liebe zum Vaterland. OLIVER JUNGEN

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