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Zum Tod von Eberhard Lämmert : Respekt vor dem Poeten

  • -Aktualisiert am

Eberhard Lämmert 1979 in Berlin Bild: Picture-Alliance

Eberhard Lämmert war ein politisch denkender Germanist, der die Poesie nie zum Werkzeug politischer Interessen machte. Mit den „Bauformen des Erzählens“ legte er früh einen Klassiker seines Fachs vor. Jetzt ist er im Alter von neunzig Jahren gestorben.

          Es war einmal eine Zeit, da kannte jeder Student der Literaturwissenschaft das bis heute nicht übertroffene Standardwerk „Bauformen des Erzählens“, das Eberhard Lämmert 1952 in Bonn als Dissertation vorgelegt hatte. Die Beschränkung auf nüchterne Philologie und ein präziser Stil markierten die Differenz zur völkischen Germanistik wie aber auch zur verdeckten Metaphysik der „immanenten Interpretation“. Dabei wusste der mit einem großen „Hunger nach Lektüre“ aus dem Kriegsdienst Zurückgekehrte nur zu gut, dass die politische Wirklichkeit lediglich aus methodischen Gründen vom Tun und Meinen des Subjekts getrennt werden kann.

          Literatur war für Lämmert von vornherein ein Medium der Erfahrungsbildung, ja der Lebenskunst. Literaturwissenschaft sollte daher in der Form des Gesprächs, als „menschenbildende und menschenbindende Wechselrede“, stattfinden. Diese Formel hat sein Wirken als Wissenschaftler, Lehrer, Hochschulpolitiker und Wissenschaftsorganisator durchgängig geprägt.

          Als er 1961 Professor an der Freien Universität Berlin wurde, hatte er bald mehr Gelegenheit, seine Gesprächsfähigkeit unter Beweis zu stellen, als ihm wohl lieb war. Seine maßgebliche Beteiligung an der Aufklärung der ideologischen Verstrickungen der Germanistik, wie sie in der Dokumentation der Münchner Tagung von 1966 „Germanistik – eine deutsche Wissenschaft“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, brachte ihm nicht nur Anerkennung ein. Auch sein Programm der Öffnung zu einer europäisch orientierten Vergleichenden Literaturwissenschaft fand bei den Granden des Fachs keinen Beifall. Erst recht sollte er sich Feinde machen, als er nach einer Episode in Heidelberg 1976 als Präsident an die unruhigste Hochschule Deutschlands, die „verschriene“ Freie Universität Berlin, zurückkehrte.

          Grandseigneur der Wissenschaft

          In seiner Zeit als Universitätspräsident erkannte er, dass die Politisierung der Universität durch die Achtundsechziger, die er zunächst begrüßt hatte, die Vorgeschichte ihrer bis heute andauernden institutionellen Schwächung war. Gerade weil er früher und schärfer als andere arrivierte Professoren politisch dachte, wollte er „das empfindlichste Organ des Erkenntnisgewinns und der Erkenntnisvermittlung“ nicht zum Werkzeug politischer Interessen werden lassen. Daran hat er mit untadeligen Manieren festgehalten, leider aber nicht mit vollem Erfolg. Dennoch stand die Freie Universität am Ende seiner Amtszeit 1983 trotz Überlastung und politischer Fraktionsbildung besser da als je zuvor.

          Nach der Wende waren seine Gesprächsfähigkeit und seine freundliche Festigkeit, die er gelegentlich auf seine Passion der Gesteinskunde zurückführte, aufs Neue gefragt. Die Begutachtung und die Integration der Forschungsinstitutionen der DDR wären ohne seine Beteiligung wohl kaum so erfolgreich verlaufen. Als Gründungsdirektor des „Zentrums für Literaturforschung“ vermittelte er in bewährter Manier die Gegensätze zwischen der west- und der ostdeutschen Literaturauffassung. Nicht ohne politische Absicht hat er dabei die Figur des freien und kritischen Schriftstellers und den „Respekt vor dem Poeten“ auf die Tagesordnung gesetzt.

          Dieser Grandseigneur der Wissenschaft hat sein Wirken stets als „unentfremdete Arbeit“ betrachtet. Daher hat er auch seine Pensionierung ignoriert. In ungebrochenem Vertrauen auf die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur machte er als Präsident der Deutschen Schillergesellschaft und des Literaturarchivs in Marbach oder als Direktor des Forschungszentrums für Europäische Aufklärung, aber auch als geduldiger Ratgeber der Jüngeren einfach immer weiter. Nun aber, man mag es gar nicht glauben, ist Eberhard Lämmert am vergangenen Sonntag im Alter von neunzig Jahren in Berlin gestorben.

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