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Deutung eines Rätselbildes : Nie wieder Hütchenspiel!

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Im Zusammenhang der genannten Figuren stellt sich die Frage nach dem Ort des Geschehens. Der Künstler hat die Mauer hinter den Bildfiguren so hoch angeordnet, dass man weniger an den Innenhof eines profanen Gebäudes als vielmehr an den Innenraum einer ruinösen Kirche denkt, deren Dach nicht mehr vorhanden ist. Dafür spricht auch das Rundfenster in der Wand links.

Mit dieser Anmutung geht zugleich die Möglichkeit zu weiterer Ausdeutung einher. Der Tisch wäre dann als Altarmensa zu lesen und das Geschehen auf dem Tisch womöglich als Parodie des eucharistischen Geschehens. So eröffnet die Rahmenerzählung des betrügenden Gauklers eine in theologischer Hinsicht komische Pointe, die nach der Anwesenheit Christi in der Hostie fragen lässt. Einen blasphemischen Scherz legt der stehlende Dominikaner auch deshalb nahe, da just sein Orden für die Inquisition zuständig ist.

Was du nicht sofort siehst

Komisch ist zudem der Effekt eines Vexierbildes, das entsteht, wenn man die Tafel um 90 Grad auf die Seite dreht und in dem Tisch mit den darauf befindlichen Gegenständen ein Gesicht erkennt. Aus den Bechern werden Augen, der Zauberstab deutet die Nase an, und die auf dem Tisch sitzende kleine Kröte wird zum Mund. Dazu passt, dass sowohl das lateinische Wort „tabula“ als auch das niederländische „Tafel“ nicht nur den Tisch, sondern auch das Bild bezeichnen. Boschs Werk stellt eine Allegorie der Malerei dar. So wie der Gaukler auf dem Tisch seine Kunststücke vollführt, um etwas erscheinen oder verschwinden zu lassen, so arbeitet der Künstler auf der Fläche desselben an seinen Illusionen, wenn er diese zum Bild werden lässt. Wir haben es mit einer Visus-Allegorie zu tun.

Dazu passt, dass das Bild zu jener Gruppe von Werken des Künstlers gehört, die in extremer Weise den Konflikt von Raum und Fläche herausstellen. Die Figuren des Gauklers und seines Gegenübers haben etwas Scherenschnittartiges, wie auch die räumliche Konstruktion des Bildes insgesamt nicht überzeugend wirkt. Vergleicht man das Bild mit dem Illusionismus eines Jan van Eyck, so inszeniert der Maler willentlich einen Fiktionsbruch.

Es ist fast so, als würde er sein darstellerisches Vermögen unterbieten, seine Fähigkeit zur Illusion beschränken, indem er sichtbar den Konflikt von Raum und Fläche inszeniert. Besonders deutlich wird dies bei dem Reif, der dicht am Tisch lehnt und dessen Schatten nahelegt, er würde sich weiter entfernt und in weitaus schrägerer Lage befinden.

Der Maler lenkt uns ab

also leistet Boschs Gauklerbild im Verhältnis zur Tradition? Dem Künstler gelingt es, Betrug und Bild zu parallelisieren. Mehr noch, das Bild wird zur eigentlichen Bedingung des Betrugs. Bosch reflektiert und inszeniert die Möglichkeiten des Bildes im Sinne des Scheins. Sein Genrebild ist selbstreflexiv, Malerei über Malerei und ohne den platonischen Topos vom Maler als Gaukler nicht wirklich zu verstehen. Für seine Erzählung hat der Künstler eine kluge Dramaturgie gewählt. Es ist, als würde das Spiel schon im nächsten Augenblick beginnen. Offensichtlich hat der Maler durch seine Komposition Teil an diesem Komplott. Wie der Dominikaner auch ist er im Bunde mit dem Trickbetrüger. Seine Aufgabe besteht darin, uns abzulenken.

Mit dieser subversiven Ästhetik geht die Erkenntnis einher, dass Bilder mindestens ebenso sehr verbergen wie zeigen. So sei die fundamentale Neuartigkeit der Genremalerei im Unterschied zu klassischen Formen des Erzählens betont. Nicht dem rhetorischen Ideal der Claritas, sondern jenem der Obscuritas wird Folge geleistet. Die Komposition ist nicht Orientierungshilfe, sondern Ablenkungsmanöver. Der Künstler bestätigt die platonische Abwertung der Malerei. Doch anders als der Philosoph sich dies vorstellt, bringt sie dabei die Wahrheit ans Licht.

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