https://www.faz.net/-gqz-16ps7

Denglisch : Chill mal, du Loser

Er kann alles. Außer Englisch: Günther Oettinger, Master of Schwäblish Bild: ddp

Wer seine Muttersprache mit Englisch mischt, empfindet sich als modern. Der frühere DDR-Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer zeigt jetzt am Beispiel des Aufklärers Lichtenberg, dass es immer schon anders ging.

          3 Min.

          Wer wird nicht über das Denglische lächeln? Wenn in der Bestatterbranche ein neues Berufsbild eingeführt wird, das des „Funeral Masters“, wenn Särge in „Peace Box“ umbenannt werden, dann amüsiert sich das ganze Land - und vor allem, wenn ein Ministerpräsident, der eben noch das Englische zur künftigen Verkehrssprache der Deutschen ausrief, bei Youtube mit kuriosem Radebrechen in dem ihm ungewohnten fremden Idiom für höhere Unterhaltung sorgt. Ebenso häufig sind dann aber die Entwarnungen, die da lauten, Sprachwandel habe immer schon stattgefunden, und ein patriotischer Purismus sei das vergleichsweise größere Übel.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Übersehen wird dabei, dass es beim Denglischen nicht um eine aktive, aufgeschlossene Aneignung des Fremden geht, sondern um eine wachsende sprachliche Monokultur auch unter den Intellektuellen. Dass ein Franzose, wenn er sich hierzulande beim Vortrag an einer Universität verständlich machen will, ins Englische wechseln muss, ist für das Schwinden der europäischen Gelehrtenrepublik eines der schmerzlichsten Zeichen. Nicht die wirkliche Auseinandersetzung mit der anderen Sprache findet hier statt; man hat es vielmehr mit der Ideologie einer Klasse zu tun, deren Weltläufigkeit sich an den Flughafendurchsagen geschult hat.

          Hans Joachim Meyers dialektischer Kunstgriff

          Dass ein Politiker zur Sache der deutschen Sprache Bedenkenswertes, ja Triftiges mitzuteilen hat, ist, wenn man den Fall von Günther Oettingers Schwäblish als Messlatte nimmt, nicht gerade alltäglich. Aber der Christdemokrat Hans Joachim Meyer, der im letzten DDR-Kabinett das Ressort für Wissenschaft und Bildung leitete und danach für zwölf Jahre Staatsminister für Wissenschaft und Kunst in Sachsen war, weiß, wovon er redet: In der Spätphase der DDR lehrte er angewandte Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin.

          Ein Sprachartist, der Spuren hinterließ: Robert Gernhardt interpretiert die Sudelbücher von Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)
          Ein Sprachartist, der Spuren hinterließ: Robert Gernhardt interpretiert die Sudelbücher von Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) : Bild: Museum für Komische Kunst

          Man muss Meyers dialektischen Kunstgriff in seiner Kritik des Denglischen bewundern, weil er gerade von der Gegenposition auszugehen scheint: Er hält am Göttinger Lichtenberg-Kolleg eine Lobrede auf Lichtenberg, den Naturwissenschaftler und Schriftsteller, den großen Verehrer des englischen Geistes („,Ich bin eigentlich nach England gegangen, um deutsch schreiben zu lernen'. Nachdenken mit Georg Christoph Lichtenberg über den Wert des Fremden“. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010).

          Er hat niemals als Engländer posiert

          Lichtenberg, der aus der damals sehr kleinen Universitätsstadt Göttingen nach London kam, war von der Metropole hingerissen. Meyer führt Briefstellen und Passagen aus den Schriften Lichtenbergs an, die von der belebenden Wirkung der neuen Luft zeugen. Und er erkennt zu dieser Haltung eine Parallele in der Gegenwart: Heute seien für viele Deutsche die Vereinigten Staaten das Land ihrer „großen und unkritischen Sehnsucht“, aus dem sie ihre „Bewertungsstandards, ihre Verhaltensnormen, ihr Wissenschafts- und Hochschulmodell, ihre Sicht auf Staat und Gesellschaft“ bezögen.

          Und ebendie Sprachbrocken. Das Symbol „geistiger Selbstübereignung“, so Meyer, an das amerikanische Vorbild „ist die Absage an die deutsche Sprache und die Übernahme des Englischen als Ausdruck von Modernität, Wissenschaftlichkeit und kultureller Kreativität“. Und nun beginnt sein Lichtenberg erst recht zu strahlen. Denn gerade dieser Bewunderer der großstädtischen Moderne Londons habe bei aller intimen Kenntnis der Sprache, der Künste und des Theaters der Briten doch „niemals als Engländer posiert“. Keine Spur bei ihm vom „ständigen Kokettieren mit dem Englischen und Distanzieren vom Deutschen, wie es heute für die wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Elite dieses Landes selbstverständlich“ sei.

          Herder geht gerade noch, Hamann nicht mehr

          Was Meyer bewegt, mögen im Kern politische Gedanken sein; indes vermeidet er die Fundamentalpolemik gegen das, was ihm - wenn man zwischen den Zeilen liest - wohl als nationale Neurose erscheint. Er legt aber die Spur aus, wenn er Leibniz anführt, der davor warnte, sich „nach fremdem Willen einzurichten“, damit es „ja nicht, nachdem es nun fast danach ist, dass die Sprache zugrunde gerichtet, um die deutsche Freiheit geschehen sein möge“.

          In einer Hinsicht aber ist Meyers Beitrag auch charakteristisch für den Geist der Bundesrepublik: Selbst „konservative“ Positionen können nur noch mit Berufung auf die aufklärerische Traditionslinie vertreten werden. Lichtenberg und Lessing und Georg Forster: Ja. Herder: gerade noch. Johann Georg Hamann: Nein. Denn Hamann gehört schon zur Gegenbewegung der Aufklärung; sein Denken über die Sprache stammte aus einer eigenwilligen Lektüre der Bibel. So bietet Meyers Beitrag den merkwürdigen Anblick eines Konservativismus, der sich nur noch um den Preis artikulieren kann, die genuin konservativen, aufklärungskritischen Motive zu löschen.

          Weitere Themen

          Die dunklen Seiten der Seele

          Tara Nome Doyle : Die dunklen Seiten der Seele

          Im Lockdown ist auch großer Pop entstanden. Zum Beispiel das Album „Vaermin“ der deutsch-irisch-norwegischen Sängerin Tara Nome Doyle.

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Art Basel kommt nach Paris

          Kunstmessen : Art Basel kommt nach Paris

          Die französische Kunstmesse FIAC muss weichen: Im Oktober wird in Paris die Art Basel ihren Platz einnehmen, mit einer neuen Messe für zeitgenössische Kunst.

          Topmeldungen

          Liefert, was erwartet wurde: Fed-Chef Jerome Powell

          Zinsentscheidung der Fed : Geldpolitik im Inflations-Nebel

          Leitzinserhöhung im März und beschleunigter Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm: Fed-Chef Jerome Powell liefert wie erwartet. Gleichzeitig darf die Zinswende im März als Eingeständnis der Notenbanker gewertet werden.