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Neues von Johannes Gutenberg : Viele Köche veredeln die Buchstabensuppe

  • -Aktualisiert am

Zu groß für die Mainzer Altstadt? Die Entwürfe eines Gutenberg-Museums von 1930 sahen noch viel höhere Türme vor. Bild: dpa

Johannes Gutenberg? Kennt man doch. In Mainz steht ein ganzes Museum zu seinen Ehren, das auch noch anbauen will. Aber je mehr die Historiker über den großen Erfinder herausfinden, desto schwerer ist er zu greifen.

          Das Ende der Gutenberg-Galaxis ist nah: Das im Jahre 1900 in Mainz gegründete, mehrfach erweiterte „Weltmuseum der Druckkunst“, vulgo „Gutenberg-Museum“, will sich im Google-Zeitalter zum „Museum der Zukunft“ wandeln. Eine „völlige Neuordnung“ ist geplant, der Anschluss an die Medienmoderne, „stumme Bücher“ sollen „lebendigen Geschichten“ weichen. Um den städtebaulichen Ausdruck der durchaus notwendigen Modernisierung wird heftig gerungen. Ein wuchtiger Turm, dem drei stolze Platanen weichen müssten, erregt die Gemüter. Im April steht ein Bürgerentscheid an, das Museum verteilt Buttons mit dem Slogan „Ja zum Bibelturm“. So lebendig wie im fünfhundertfünfzigsten Todesjahr war Gutenberg lange nicht mehr.

          Anders als das auf 1400 geschätzte Geburtsjahr ist das Todesjahr sogar belegt. Am 26. Februar 1468 bestätigte der Mainzer Stadtsyndicus Doktor Konrad Humery, die von ihm finanzierte Druckerpresse aus dem Nachlass des Verstorbenen erhalten zu haben. Trotzdem gehen hier die Probleme schon los, denn das auf einer Gedenktafel am mutmaßlichen Mainzer Alterssitz des Erfinders, dem Algesheimer Hof, genannte genaue Sterbedatum, der 3. Februar 1468, beruht einzig auf den Angaben F. W. E. Roths, eines mehrfach als Fälscher entlarvten Historikers.

          Die Gründererzählung wird zerlegt

          Die in Mainz sehr agile Gutenberg-Forschung steht vor einem Dilemma: Je genauer die wenigen Quellen zum Leben regional- und buchgeschichtlich erschlossen werden, desto mehr scheint sich der „Mann des Jahrtausends“ dem Zugriff zu entziehen. Schuld daran ist die jahrhundertelange Überhöhung Gutenbergs zum einsamen deutschen Genie, betrogen um seine Erfindung durch den Kompagnon Johannes Fust, gestorben in bitterer Armut. Spätestens seit der großen Jubiläumstagung im Jahre 2000 steht die Forschung im Zeichen der Dekonstruktion dieser mächtigen Gründererzählung. Das aktuelle Gedenkjahr nahmen die Johannes-Gutenberg-Universität und ihr Institut für Geschichtliche Landeskunde zum Anlass für die Konferenz „Reviewing Gutenberg“, die unter der Leitung des Historikers Michael Matheus Bilanz zog und Perspektiven aufzeigte.

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          Dass Gutenberg von Fust, mit dessen Krediten er von 1449 an in Mainz seine erste Druckerei errichtete, übervorteilt worden sei, gilt seit einem Jahrzehnt als widerlegt. Das Helmaspergersche Notariatsinstrument aus dem Jahr 1455 wird heute als Dokument der einvernehmlichen Auflösung einer Geschäftsbeziehung gelesen. Nach dem Bibeldruck war die Nachfrage offenbar groß genug für zwei Druckereien am Ort. Und Gutenbergs neue Offizin scheint in der Tat lukrativ gewirtschaftet zu haben. Außerdem gehörte das Geschlecht der Gensfleisch zum Mainzer Patriziat mit seinen vielen Privilegien, wie Heidrun Ochs vor Augen führte. Mit der Ernennung zum Hofmann durch Erzbischof Adolf II. von Nassau 1465 kamen noch Naturalleistungen und Steuerbefreiung hinzu. Verarmt dürfte Gutenberg nicht gestorben sein.

          Mainz lag gar nicht hinter Frankfurt zurück

          Als erkenntnisstiftend erweisen sich derzeit vor allem Netzwerkanalysen. So beruht die Meinung, Mainz sei im fünfzehnten Jahrhundert kunsthandwerkstechnisch weit hinter das benachbarte Frankfurt und erst recht hinter Straßburg, das „Silicon Valley der frühen Neuzeit“, zurückgefallen, wohl auch auf der unglücklichen Quellenlage. Regina Schäfer konnte mittels exemplarischer Nahaufnahmen familiärer Verflechtungen zeigen, dass Mainz großen Anteil an der schon erstaunlich arbeitsteilig über Stadtgrenzen hinweg organisierten Luxusproduktion – Gold, Tuch, Glas – hatte. Gutenberg und Fust waren auch als Mainzer Edelunternehmer keine Solitäre.

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