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Neues von Johannes Gutenberg : Viele Köche veredeln die Buchstabensuppe

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Der Mainzer Buchwissenschaftler Stephan Füssel hob ebenfalls auf den Aspekt von Teamwork ab. Bei der rasanten Ausbreitung des Buchdrucks – zunächst am Rhein entlang, dann bald über die Alpen – konnte Füssel zahlreiche Mitarbeiter (und Typensätze) aus Gutenbergs (und Fusts/Peter Schöffers) Werkstatt ausmachen. Das hatte Methode: Eine Branche erfand sich selbst. Noch einen Schritt weiter in Richtung konzertierte Aktion ging Matheus, denn neu entdeckte Quellen in römischen Archiven rücken den Buchdruck in engen Zusammenhang mit den Mainzer Universitätsgründungplänen.

Diese wurden nach der Stiftsfehde, einem durch die Erzbischofswahl 1459 ausgelösten Krieg um die Mainzer Kurwürde, maßgeblich von Adolf von Nassau und, das wäre neu, vom Domprediger Gabriel Biel vorangetrieben. Matheus kann sich gar vorstellen, dass die Ernennung Gutenbergs zum Hofmann durch den Nassauer den Grund hatte, eine Universitätsdruckerei vorzuhalten. In der Tat wurden der Hof zum Gutenberg und der Algesheimer Hof der 1477 eröffneten Universität zur Verfügung gestellt. Wurde also der bislang meist als Ingenieursleistung gewürdigte Buchdruck in Kirchenkreisen von Beginn an als Teil eines Bildungsaufbruchs verstanden?

Falsche Adresse?

Man kann sich auch immer noch traditionell biographisch mit Gutenberg beschäftigen, wie der Direktor des Stadtarchivs Mainz, Wolfgang Dobras, bewies. Er bezweifelte, dass Johannes Gensfleisch im Hof zum Gutenberg residiert und gedruckt habe, wie man seit Aloys Ruppel, dem legendären Direktor des Museums, immer wieder annahm, da ein lange nicht beachtetes Dokument diesen Hof im Jahre 1444 als Besitz des Grafen Otto von Pfalz-Mosbach ausweise. Dobras lokalisierte Gutenbergs Wohnung und Druckerei stattdessen im Mainzer Vorort Weisenau in unmittelbarer Nachbarschaft des heute nicht mehr existenten Stifts St. Viktor. Auch Gutenbergs Straßburger Wallfahrtsspiegel-Werkstatt habe schließlich bei einem Kloster vor der Stadt gelegen; zudem gehörte er der Bruderschaft St. Viktor an. Starke Indizien sind das freilich nicht.

Überhaupt könnte von dieser Tagung vor allem das Signal ausgehen, die erinnerungspolitische Fixierung auf Johannes Gutenberg zu überdenken, auch im Hinblick auf die Neuausrichtung des Museums. Mit gespitzten Ohren vernahm das Publikum die Ausführungen von Kai-Michael Sprenger zum Plan des Typographen Christian Heinrich Kleukens von 1930, Gutenberg mit einer gigantischen Pyramide inklusive eigenem Flughafen zu würdigen. Ein Baubund war bereits gegründet.

Auch Ruppels Mitarbeiter Adolf Tronnier zeigte sich angetan, votierte aber für ein gewaltiges Hochhaus in Letternform. Auf 160 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche sollte eines der weltgrößten Museen entstehen, eine ganz und gar kosmopolitisch gedachte Kultstätte des Wissens. Ob das megalomane Projekt je Wirklichkeit werden würde, war nicht entscheidend: Es war auch so ein Zeichen gegen den Geist der Zeit. Den Büchern Stummheit vorzuhalten, wie es heutige Zeitgeistverfechter tun, wäre diesen Idealisten wohl im Traum nicht eingefallen.

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