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: Das große Kriegsspiel

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War über den Schlieffenplan von 1905 nicht längst schon alles gesagt? Das angebliche Siegesrezept des scheidenden Generalstabschefs vom Dezember 1905 gilt doch als eine der Hauptursachen des Ersten Weltkriegs.

          War über den Schlieffenplan von 1905 nicht längst schon alles gesagt? Das angebliche Siegesrezept des scheidenden Generalstabschefs vom Dezember 1905 gilt doch als eine der Hauptursachen des Ersten Weltkriegs. Die von Alfred von Schlieffen entwickelte und von seinem Nachfolger Helmuth von Moltke dem Jüngeren modifizierte operative Idee zur Führung eines Zweifrontenkrieges gegen Frankreich und Rußland war für den Weltkriegs-I-Offizier und Historiker Gerhard Ritter Mitte der fünfziger Jahre "nicht nur militärisch ein Wagnis mit recht geringen Erfolgsaussichten, sondern zugleich ein politisches Verhängnis". Daneben gilt der Schlieffenplan seither als Musterbeispiel für die Abdankung der, so Ritters Unterscheidung, Staatskunst vor dem Kriegshandwerk.

          Dies alles in Frage zu stellen und eine Debatte auszulösen ist Terence Zuber gelungen. Der 1948 geborene amerikanische Major a. D. und ehemalige Verbindungsoffizier zur 12. Panzerdivision der Bundeswehr, der in Würzburg Geschichte studierte und dort promoviert wurde, entwickelte in der Zeitschrift "War in History" und dann 2002 in dem Buch "Inventing the Schlieffen Plan. German War Planning, 1871-1914" provozierende Thesen, die er in Potsdam auf einer Tagung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes und der Otto-von-Bismarck-Stiftung vortrug. Seiner Ansicht nach wollte Schlieffen nie einen Angriffskrieg führen, weder er noch Moltke hätten je eine Invasion Frankreichs mit einem starken rechten Flügel zur Umgehung französischer Befestigungen durch neutrale Nachbarstaaten beabsichtigt.

          In der Denkschrift von 1905 sei der Chef des Großen Generalstabes davon ausgegangen, 96 Divisionen bei einem Krieg gegen Frankreich allein, 106 Divisionen bei einem Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Rußland einzusetzen. Weil jedoch nur 72 Divisionen im Westen zur Verfügung standen und allein dort 24 Divisionen fehlten, müßten diese Überlegungen nur als Mittel verstanden werden, um eine Heeresverstärkung zu fordern. Außerdem belegten die Archivquellen über die jährlichen Generalstabsreisen vor und nach 1905 - weil sie nichts mit dem Schlieffenplan zu tun hätten -, daß es keine strategische Weiterentwicklung der Ideen Schlieffens gegeben habe.

          Dem widersprach Robert T.Foley vom King's College London. Zuber stütze sich sich auf ein unvollendetes Manuskript "Der Schlieffenplan", das der im Reichsarchiv tätige Historiker Wilhelm Dieckmann unmittelbar nach dem Krieg verfaßte. Dieckmann sei der Zugang zu jenen Aufmarschplänen verwehrt worden, die klare Beweise für Schlieffens und Moltkes aggressive Absichten hätten liefern können. Diese streng geheimen Dokumente seien in der Regel jedes Jahr vor Ausgabe des neuen Aufmarschplans verbrannt worden, damit sie nicht in die Hände gegnerischer Geheimdienste fallen konnten. Darüber hinaus würden die von Zuber herangezogenen Generalstabsreisen keinen Einblick in die Kriegsplanung bieten. Sie hätten hauptsächlich den Zweck verfolgt, "Stabsoffizieren Trainingsmöglichkeiten zu bieten und diese Offiziere im Hinblick auf weitere Beförderungen zu bewerten". Zuber stehe überhaupt mit seinem selektiven Gebrauch der Quellen in der apologetischen und gegen den Kriegsschuldartikel im Versailler Vertrag gerichteten Tradition der zwanziger Jahre. Annika Mombauer von der Open University in Milton Keynes, England, zeichnete nach, daß Moltkes Planungen zum Teil "die Ideen Schlieffens widerspiegelten", zum Teil aber auch "entscheidende Modifikationen des sogenannten Schlieffenplans darstellten". Der neue Generalstabschef habe es beispielsweise als unerläßlich empfunden, durch das neutrale Belgien in Richtung Frankreich zu marschieren, während Holland verschont bleiben und dem Reich im Kriegsfall als wirtschaftliche "Luftröhre" dienen sollte.

          Oberstleutnant Gerhard P. Groß vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt konnte mit einem Quellenfund aufwarten, um Zubers Argumentation zu erschüttern. Zunächst legte er dar, daß die auf Generalstabsreisen durchgeführten Kriegsspiele in erster Linie der Ausbildung der Generalstabsoffiziere dienten: "Sie waren geistige Trainingslager für die Teilnehmer und hatten die Einheitlichkeit des Denkens der Generalstabsoffiziere zum Ziel. Und auch das sollte erwähnt werden: sie waren das entscheidende Schaulaufen für die weitere Karriere der Generalstabsoffiziere." Groß konnte zwar keine Aufmarschpläne präsentieren, dafür aber bisher offensichtlich unbeachtetete maschinenschriftliche Bestands- und Inhaltsübersichten (wohl in der Zwischenkriegszeit auf Grund damals noch vorhandener Unterlagen gefertigt) für geplante Aufmärsche vor und nach 1905 mit Auszügen aus Mobilmachungskalendern. Wie einerseits die Denkschrift von 1905 als eine Richtschnur Schlieffens an den Nachfolger gedacht gewesen sei, zeigten andererseits die späteren Aufmarschanweisungen, wie sich Moltke an Schlieffens operativ-strategischem Credo orientierte. In der Diskussion wies Terence M. Holmes darauf hin, daß er bei der "Suche nach den fehlenden Divisionen" fündig geworden sei. Zuber habe das Ersatzheer nicht einberechnet: "208 Ersatzbataillone waren mehr als ein Äquivalent für die fehlenden Divisionen. Die Truppen waren also da."

          In die Sphären der großen Politik führte der fulminante Vortrag des Bonner Diplomatiehistorikers Klaus Hildebrand. Der deutsche Schlieffenplan, der französische Plan 17, die britischen Vereinbarungen mit Frankreich über militärische Zusammenarbeit im Kriegsfall hätten in unterschiedlicher Intensität zunehmend die Entscheidungen der Politik beeinflußt. Das verstärkt strategisch geprägte Denken und Handeln der Staatsmänner in Berlin, Wien, St. Petersburg, Paris und London habe zu einer Lager- und Blockbildung geführt, die maßgeblich durch den Bau der deutschen Schlachtflotte hervorgerufen worden sei. "Weil militärische Balance fälschlich mit politischem Gleichgewicht verwechselt wurde, verloren die Partner der sich belauernden Blöcke vor lauter Kraft ihre erforderliche Beweglichkeit und büßten ihre diplomatische Handlungsfreiheit zu Lasten strategischer Machtprojektion ein." Die Blöcke seien allerdings, wie zahlreiche bilaterale Ausgleichs- und Entspannungsbemühungen in den Jahren vor 1914 verdeutlichten, alles andere als festgefügt gewesen. Das erklärt unter anderem die Zuversicht im Juli 1914, daß man auch dieses Mal wie in den Krisen zuvor dem großen Krieg entgehen könne.

          Die "Unberechenbarkeit" des imperialen Systems verglich Hildebrand mit dem flexiblen, durch Otto von Bismarck kultivierten System der Staatenwelt, "das durch eine bis zur Systemlosigkeit reichende Freiheit der fünf Akteure gekennzeichnet war", und mit dem äußerst berechenbaren nuklearen System der Staatenwelt in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als "jeder Akteur wußte, wollte er den Krieg nicht riskieren, was er tun konnte und unterlassen mußte, so daß der Friede erhalten blieb". Nach Hildebrand zielte das Bismarcksche System auf die Erhaltung von Gleichgewicht und Frieden, das nukleare System auf die Balance der Blöcke, während es den Konflikt der Mächte in eine Auseinandersetzung der Ideologien, der gesellschaftlichen Systeme und der inneren Ordnung übertrug.

          Im Unterschied dazu habe sich das imperiale System ganz am Gewinn von Übermacht und am Sieg im Waffengang orientiert. Regierende und Regierte hätten oftmals "die große Politik als ein großes Spiel" eingeschätzt: Die Politik erschien den Verantwortlichen wie ein kühnes Duell, in dem die Ehre wichtiger war als das Überleben. Die Politiker (und nicht die Militärs) fällten die letzten Entscheidungen, aber zu weiten Teilen zumindest nicht im Sinne der Staatskunst, sondern des Kriegshandwerks - gleichzeitig als "Vollzugsgehilfen der militärischen Allianzen" und als "Hoffnungsträger der politischen Entspannung".

          Österreichs gegen Serbien zielender Kriegswille war, so Hildebrand, nach dem Attentat auf den österreich-ungarischen Thronfolger am 28. Juni 1914 in Sarajevo der Anlaß für das Deutsche Reich, um unter Inkaufnahme des äußersten Risikos einen diplomatischen Erfolg zu erzielen. Aufs Haar habe dem die Reaktion Rußlands geglichen, das seinerseits eher zum militärischen Konflikt bereit gewesen sei, als eine politische Niederlage hinzunehmen. Aber auch kein anderer Akteur "wollte, weil selbst der große Krieg noch zur europäischen Normalität gehörte, die Tatsache wahrhaben, vermochte sie einzusehen oder war dazu bereit, ihr Tribut zu zollen, daß nämlich aus dem Spiel um die Macht längst ein Kampf um die epochale Existenz geworden war". Solche grundsätzlichen Einsichten ließen die Diskussionen über Kriegsspiele, Siegesrezepte und Aufmärschpläne der europäischen Kriegshandwerker in den Hintergrund treten und als kleinteilig erscheinen. Rainer Blasius

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