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Das Digitale denken (III) : Die offene Wissenschaft und ihre Freunde

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Geht es bei Open Science nicht doch in erster Linie darum, in welches Töpfchen der zahlende Rabe den Stein fallen lässt? Bild: dpa

Open Access, Open Science, Science 2.0 - die Titel, unter denen vom Internet eine Beschleunigung des Erkenntnisgewinns erwartet wird, sind vielfältig. Doch wem nützen die entsprechenden Techniken? Hat die Forschung überhaupt Probleme, die sich so lösen lassen?

          „Offenheit“ ist die Qualität der Stunde, wenn es um unser gegenwärtiges elektronisches Zeitalter geht. Nirgendwo hat dieser Begriff unsere Imagination mit größerer magischer Kraft gefangengenommen als in der modernen Wissenschaft.

          Wissenschaft war bis dahin die abgeschlossene Provinz von Experten, das sagt jedenfalls die Legende. Wissenschaftler dachten über ihre Projekte entweder in einsamer Meditation nach oder in kleinen „unsichtbaren Colleges“, nachdem sie eine Lehr- und Gesellenzeit durchlaufen hatten. Auf ihre Ideen kamen sie hochpersönlich - man bezeichnete sie deshalb mitunter als „Genies“.

          Ihre Daten und Lektüren besorgten sie sich außerhalb der öffentlichen Bühnen. Was sie erkannten, wurde erst publik, nachdem es aufgeschrieben, auf Konferenzen diskutiert und in den wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht worden war. Die Kommentare dazu und die Bewertungen erfolgten oft hinter geschlossenen Türen. All das hatte für manche durchaus das Aroma der Hybris, des Hermetischen, des Desinteresses an den Bürgern, die es finanzierten, und am Allgemeinwohl. Darum forderten manche auch eine „Demokratisierung“ der Wissenschaft, was voraussetzte, dass die tatsächlichen Organisationsformen der Forschung politisch versteinert waren.

          Drei optimistische Prämissen

          Für diese entfremdeten Kritiker ist das Internet zum Vehikel der Befreiung geworden. Blogs und „social media“ haben für ein weltweites Gespräch über alles unter der Sonne gesorgt. Jetzt, formulierte die „New York Times“ 2012, ist der Zeitpunkt gekommen, den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess aufzubrechen. Futurologen haben prophezeit, dass dem „Web 2.0“ die „Wissenschaft 2.0“ folgen wird. Ein Elfenbeinturm auch in Ihrer Nähe! Jeder Aspekt einer Forschung, von der Planung über das Sammeln von Daten und die bibliographische Arbeit bis zur Durchführung und zur Verbreitung der Resultate sollen „offen“ erfolgen. Am besten auf Plattformen, die Facebook, Twitter, Google Scholar und Wikipedia ähneln. Nicht ganz so oft wird die Erwartung erwähnt, dass sich mit solchen Plattformen auch eine Menge Geld machen lässt.

          Was diese Prognosen antreibt, sind drei Vorstellungen. (1) „Das Internet“ ist eine Technologie, die aus sich heraus alle Eigenschaften des Wissens verändern wird. (2) Wissenschaft und Universität waren zuvor gefesselt und kompromittiert, so dass die Zeit reif ist, um sie neu zu fassen. (3) Mehr „Offenheit“ ist die Lösung für alle Probleme und nicht zuletzt politisch unbedingt und ausnahmslos wünschbar.

          Alle drei Ansichten sind weit verbreitet. Keine ist so, wie sie hier formuliert wurde, wahr. Über die erste Behauptung will ich mich hier nicht weiter äußern, das haben andere getan, die den naiven technologischen Determinismus kritisiert haben, dem anheimfällt, wer das Internet wie ein Ding behandelt, das uns ein bestimmtes Verhalten auferlegt. Was mich mehr beschäftigt ist die Politische Ökonomie der „Wissenschaft 2.0“ und die Art, wie sie jene politische Entscheidungen unsichtbar macht, die wir in Bezug auf all die genannten Fragen treffen müssen. Vielleicht fasse ich meine Frage am besten so: Wenn „Offenheit“ die Lösung sein soll, was ist dann das Problem?

          Lehre und Forschung werden immer marktgängiger

          Gegen „Offenheit“ zu sein, ist heute so ähnlich, als wollte man gegen Mutterschaft sein oder gegen die netten Internet-Kinder. Open Source, Open Access, Open Web Platforms - die Alchemie des Offenen ist mit vielen Initiativen verbunden. Doch wenn es darum geht, tatsächlich Erkenntnisse zu gewinnen, erscheinen die Argumente dafür, die Wissenschaft müsse im Zeichen der sozialen Medien geöffnet werden, erstaunlich dünn. Es mag Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Universitäten geben, aber wie ich in „ScienceMartTM“ (Privatizing American Science. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 2011) gezeigt habe, kommt sie vor allem daher, dass man Lehre und Forschung in den vergangenen drei Jahrzehnten immer mehr dem Markt ausgesetzt hat.

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