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Das Digitale denken (III) : Die offene Wissenschaft und ihre Freunde

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Dabei ist die Vorstellung, „Open Science“ mache das wissenschaftliche Wissen zugänglicher und die Forschung offener für die Bedürfnisse aller, eine bloße Ablenkung. Darum geht es gar nicht. Science 2.0 ist auch nicht von irgendeiner technologischen Notwendigkeit getrieben, die Wissenschaft zu „verbessern“. Das Ziel ist vielmehr, dem Markt und Unternehmen auch die Bereiche der bislang idiosynkratischen Praktiken individueller Forscher zu erschließen. Vergesst Friedrich Hayek und das Märchen von der spontanen Organisation - diese neue Ordnung ist die Region von Geschäftsplänen, strategischen Eingriffen, kreativer Zerstörung und einer Apotheose des Wissens als Ware.

Doch was genau ist an den elektronischen Manifestationen von Science 2.0 neoliberal? Zunächst geht es in vielen Fällen schlicht und einfach um eine Automatisierung von Forschungsprozessen, die in einzelne Komponenten zerlegt werden sollen, die durchzuführen man keine besonders qualifizierten Forscher benötigt. Es geht um Kosteneinsparung und darum, dem Forscher kostspielige Autonomie zu entziehen. Was heutzutage verlangt ist, sind flexible Arbeiter, die jeden Moment das Projekt fallenlassen können, an dem sie gerade sitzen, um sich einem anderen zuzuwenden, das gerade attraktiver erscheint. Disziplinäre Kenntnis wird für weniger wichtig gehalten als interdisziplinäre Beweglichkeit, die Marktsignalen folgen kann. Die immer kurzfristigere Natur der Forschungsfinanzierung bringt diese Imperative zum Ausdruck.

Die Echtzeitüberwachung von Forschern

Zum anderen bieten viele der genannten Plattformen nicht einfach Dienstleistungen für den Forscher an. Auf jeder Stufe der Forschung geht es um Evaluation, Markenbildung und Monitoring von Forschungsprogrammen. Deren nominelle „Offenheit“ bildet den idealen Hintergrund dafür, sie besser kontrollieren und jederzeit in sie intervenieren zu können. So, wie Facebook die Echtzeitüberwachung von Konsumenten anbietet, handelt es sich hier um die Echtzeitüberwachung von Forschern.

Drittens: Die Paladine von Science 2.0 gehen weit über die gängigen Praktiken der Aneignung von geistigem Eigentum, etwa durch Patente, hinaus. Was sie - ähnlich wie Microsoft und Google - gelernt haben: die Firma, der es gelingt, die Plattform zu kontrollieren, hat auch gute Chancen, die Industrie als solche zu dominieren. Der zukünftige König von Science 2.0 wird kein Patent-Schatzhauser sein, der als Parasit von Firmen lebt, die Patente tatsächlich nutzen. Vielmehr wird es sich um jemanden handeln, der weiß, wo die Front der Forschung in den Disziplinen verläuft und wer dafür bezahlt werden muss, um sie zu kontrollieren.

Selbst der Schub, den „Open Access“ für wissenschaftliche Journale bedeutet, hat wenig mit den gängigen Eindrücken zu tun, dass jetzt jedermann kostenlos wissenschaftliche Artikel herunterladen kann. Der Kampf um Open-Access-Zeitschriften ist vielmehr ein Konflikt zwischen den alten Verlagshäusern und forschungsintensiven Firmen, denen es um automatisierten Zugriff auf großen Forschungsdatenbanken geht. Erstere versuchen ihre erheblichen Profite dadurch zu sichern, dass sie die Kosten der Artikelproduktion von den Bibliotheken auf die Autoren verlagern. Hier soll offener Zugang nur erlaubt sein, wenn öffentliche Subventionen fließen. Letztere würden ein einheitliches Archivsystem - wie arXiv oder Academia.com - vorziehen, das offen ist für Webcrawler, also automatisierte Informationsverarbeitung.

Beide Seiten aber fänden es gut, wenn alle Zusatzkosten der Publikation auf die Universitäten verlagert würden, von denen sie ohnehin nicht glauben, dass sie die Zukunft der Forschung repräsentieren. So ist die einzige plausible Prognose die, dass wenn die Rolle von Universitäten und Bibliotheken weiter untergraben wird, das gesamte System der „Peer Review“ ersetzt werden wird durch eine Art marktbasierte Evaluation von Artikeln, die dann im Stile von „Gefällt mir“-Buttons der Weisheit der Menge überlassen bleibt. Insofern hat „Open Science 2.0“ nichts mit einer Demokratisierung oder anderweitigen Verbesserung von Forschung zu tun. Was damit bezweckt wird ist vielmehr, einige große Firmen an den Eingängen zur modernen Kommerzialisierung des Wissens gut zu positionieren.

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