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Das Digitale denken (III) : Die offene Wissenschaft und ihre Freunde

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Die Humboldtsche Idee der Bildung und die Absicht, kulturelle Werte zu pflegen, ist dabei immer mehr in den Hintergrund geraten. Das wiederum erfolgte im Zuge des neoliberalen Projektes, dessen erstes Gebot lautet, dass der Markt der schlechterdings überlegene Informationsprozessor der Menschheitsgeschichte ist. Für seine Anhänger kann und wird niemals ein Mensch die Weisheit des Marktes besitzen, weil kein Mensch auch nur die Information verarbeiten kann, die in einen einzigen Marktpreis eingegangen ist.

Deshalb gebühre Experten und Wissenschaftlern nicht so viel Respekt - angesichts des Marktes sind auch sie, was ihre Erkenntnis angeht, nur Amateure. In manchen Zirkeln sprich man hier von der „Weisheit der Menge“. Die Neoliberalen schlagen insofern eine Demokratisierung des Wissens vor, die darin besteht, dass jeder sich gleichermaßen dem Markt unterwirft, der uns dann „in der Fülle der Zeiten“ die Wahrheit mitteilt.

Der volle Einsatz neoliberaler Heilmittel

Entsprechend wurde die Krise der Wissenschaft von neoliberalen Initiativen hervorgebracht. Es waren Neoliberale, die eine immer strengere Fassung des geistigen Eigentums gefordert haben. Es waren Neoliberale, die den Staat als Finanzier der Forschung zurückdrängen wollten, und es waren neoliberale Verwalter, die an den Universitäten begannen, zwischen „Melkkühen“ und Fächern zu unterscheiden, mit denen man nur Verluste macht. Es waren neoliberale Geschäftsführer, die Universitätskliniken privatisierten, und Neoliberale, die dafür sorgten, dass heute an manchen Universitäten die Studenten Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben müssen, um an „Startups“ der Fakultäten mitarbeiten zu dürfen. Es geht vielerorts nicht mehr darum, etwas zu wissen, sondern sich selbst in Bezug auf die Türhüter privater Projekte gut zu positionieren.

Philip Mirowski

Die Ironie dieser Lage ist, dass die entsprechende Versteinerung der Wissenschaft wiederum durch Einsatz neoliberaler Heilmittel verflüssigt werden soll: unter dem Titel „offene Wissenschaft“. Überall wachsen Internet-Startups aus dem Boden, um sich an der elektronischen Landnahme zu beteiligen. Academia.edu und ResearchGate versuchen künstliche Forschungsgemeinschaften zu bilden, um weitverstreute Kibitze früh in der Entstehung von Forschungsprojekten und der Suche nach Themen zu engagieren. Open Notebook und Open Collaborate (auch Microsofts gescheitertes myExperiment.org) sind Plattformen, die frühe Stadien der Forschung organisieren wollen, bis hin zu „virtuellen Experimenten“. Websites wie Kickstarter bieten alternative Arten an, Forschung zu finanzieren.

Es gibt ,citizen science‘-Seiten, die Nichtwissenschaftler einladen, Daten zu erzeugen und zu bearbeiten: SETI@home and Foldit sind oft zitierte Beispiele. Es gibt eine Fülle von Plattformen, die sich um Publikationsmanagement kümmern und gegen Entgelt Publikation anbieten, im Unterschied etwa zur Pre-Publikations-Seite der Physiker arXiv.org. Ebenfalls blüht das Feld der Evaluations-Plattformen, die bibliometrische Daten erzeugen, mitunter kombiniert mit unbezahlten Rezensionen wie auf der Seite „Faculty of 1000“

Die Apotheose des Wissens als Ware

Es braucht bei alldem nicht viel Phantasie, um vorherzusehen, dass dieser Markt sich irgendwann konsolidiert haben wird und ihn dann eventuell sogar eine einzige Plattform in Kernbereichen einiger Disziplinen dominieren wird: Google oder eine Firma ähnlichen Typs wird dann eine riesige Science 2.0-Plattform anbieten. Schon jetzt bekennen viele der unternehmerischen Protagonisten der neuorganisierten Wissenschaft, dass Facebook ihr Leitstern ist.

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