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Dankesrede zum Börne-Preis : Wie man die Gegenwart erfasst

Es liegt auf der Hand, dass hierin eine der großen Versuchungen sowohl der Zeitdiagnostik wie des Journalismus liegt: in der Vorstellung, durch Ausrufung von Neuigkeiten den Gang der Dinge selber zu beeinflussen. Dabei liegt der entscheidende Vorteil des Journalisten wie des Wissenschaftlers ja gerade darin, Zuschauer bleiben zu können. Journalismus ist Zuschauen als Beruf. Der Kritiker sitzt, wenn er sich so versteht, auf der Seite des Publikums, der Journalist auf der Seite des Wählers, des Steuerzahlers, des Patienten, der Schüler oder der Konsumenten. Nimmt man all diese Publika zusammen, erhält man den Begriff der Öffentlichkeit. Journalismus ist seit Börnes Zeiten, ich wandele eine Formulierung des Soziologen Rudolf Stichweh leicht ab, der schwierige Versuch, die Laienrolle in der bürgerlichen Gesellschaft zu professionalisieren.

Mit dem Hinweis auf eine Voraussetzung dafür will ich schließen. Ich habe sie schon genannt. Wer Neuigkeiten nicht einfach ausgesetzt sein will und wer es in Bezug auf die Gesellschaft auch nicht verlockend findet, ein Schwärmer zu sein, der braucht zur Erkenntnis der Gegenwart Begriffe. Sie müssen nicht von Max Weber kommen und auch nicht von Niklas Luhmann, aber Begriffe im Unterschied zu Schlagworten müssen es schon sein.

Börnes Aufforderung, den „inneren Bau der bürgerlichen Gesellschaft zu erforschen“, kann man ohne solche Begriffe nicht folgen. Man braucht sie auch, um Distanz gegenüber Zeitdiagnosen zu gewinnen, die zu sehr dem Bedürfnis nach etwas Neuem folgen. Der Journalismus benötigt, mit anderen Worten, ein Gegengewicht gegen die Gefahren des privilegierten, weil mit einem Lautsprecher ausgestatteten Laientums. Ein solches Gegengewicht liegt in der Tatsache, dass es von allem, womit Journalisten sich beschäftigen, auch wissenschaftliche Beschreibungen gibt. Und zwar ganz gleich, ob es sich um Beethovens Sonaten handelt, um die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern, um Jugendkriminalität oder um die Ideengeschichte des Begriffs „Zeitgeist“.

Das Vermächtnis des Jahres 1818

Zwar können wissenschaftliche Erkenntnisse die journalistischen Beschreibungen schon deshalb nicht ersetzen, weil sie meistens kompliziert formuliert sind und weil es aus guten Gründen ewig dauert, bis sie hervorgebracht werden. Aber sie können die journalistischen Beschreibungen des inneren Baus der bürgerlichen Gesellschaft informieren. Und sie können dabei helfen, stärker zu unterscheiden, was wirklich neu und was überhaupt der Fall ist. Auch in der Wissenschaft, denken Sie nur an die der Ökonomen und die Frage, was in Griechenland gerade geschieht, herrscht jener „Meinungskampf über die Angelegenheiten des bürgerlichen Lebens“, von dem Börne sprach. Die Wissenschaft wird uns also die Entscheidung nicht abnehmen können, was uns als möglichst professionellen Zuschauern plausibel erscheint.

Aber die Lektüre ihrer Publikationen und das Nachdenken über ihre Theorien können dabei helfen, das Laientum zu professionalisieren. Es kann helfen, die Beobachtungen und Argumente der Zeitschriftsteller zu verbessern. Das Vermächtnis des Jahres 1818 für uns scheint mir eindeutig: Kein Börne ohne Hegel, kein Hegel ohne Börne.

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