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Dankesrede zum Börne-Preis : Wie man die Gegenwart erfasst

Ich gebe nur ein paar Beispiele: 1982 verkündete Ralf Dahrendorf das Ende der Arbeitsgesellschaft. Das war ein Echo auf die 1973 gestellte Prognose von Daniel Bell, der die Postindustrielle Gesellschaft heraufziehen sah. Diesen Begriff hatte Alain Touraine schon 1969 geprägt. Um dieselbe Zeit verwendeten Bell und der Soziologe Robert Lane den Begriff „Wissensgesellschaft“, der auf dem um 1950 von Norbert Wiener geprägten Wort „Informationsgesellschaft“ beruhte. Kurz danach, 1962, war die „Organisationsgesellschaft“ entdeckt worden. Vieles von dem, was damit und mit dem Ende der Industriegesellschaft gemeint war, fand sich aber auch schon im Titel „Angestelltengesellschaft“, den Peter F. Drucker 1950 eingeführt hatte. Als Dahrendorf das Ende der Arbeitsgesellschaft konstatierte, machte übrigens gerade der amerikanische Marketingprofessor Theodor Levitt den Begriff „Globalisierung“ bekannt. Kurz darauf, 1986, entdeckte Ulrich Beck die Risikogesellschaft. Manuel Castells wiederum beobachte zehn Jahre später den Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Da hatte Peter Gross 1994 gerade über die „Multioptionsgesellschaft“ geschrieben.

Die alles prägende Neuigkeit

Der Befund ist deutlich: fünfzig Jahre lang alle vier bis fünf Jahre eine andere Gesellschaft. Auch das gehört zum „Spirit of the Age“. Während des gesamten Zeitraums ist übrigens auch die Bezeichnung „Kapitalismus“ für das Ganze der Gesellschaft gepflegt worden, dann im Kurs gefallen, dann wieder aufgestiegen. Mit der bekannten Voraussetzung, dass es die Eigentumsverhältnisse und der Zwang zur Profit-Erwirtschaftung seien, die alle anderen gesellschaftlichen Beziehungen bestimmten. Und das ist überhaupt ein Merkmal vieler Zeitdiagnosen: die Behauptung, dass von einem Ort der Gesellschaft aus - sei es die Industrie, sei es die Politik, die Wissenschaft oder die neueste Technologie - alles andere geprägt wird und nichts sich dem entziehen kann. Unter dem Titel „digitalisierte Gesellschaft“ erleben wir gerade die neueste Variante davon.

Zur Zeitdiagnose werden solche Beschreibungen der neuesten, alles prägenden Neuigkeit nicht nur, indem sie einander abwechseln. Sie rufen auch jeweils eine neue Epoche und das Ende einer vorhergehenden aus. Wir leben, lautet die Behauptung, von nun an in einer Risikogesellschaft - vorher taten wir es angeblich nicht. Genauso verhält es sich mit der Diagnose, wir lebten neuerdings in einem postdemokratischen Zeitalter. Hier wird unterstellt, bis soeben noch habe es vorbildliche Volkssouveränität gegeben, die aber jetzt von Eurokratenherrschaft und einer verselbständigten Exekutive abgelöst worden sei - auch wenn die ersten großen Technokratiedebatten schon in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg geführt wurden und die letzte Diskussion über Technokratie Mitte der sechziger Jahre stattfand.

Der professionelle Blick des Bürgers

Das führt zu einem letzten Grund für die vielen Neuigkeiten. Je dramatischer sie beschrieben werden, desto stärker gehen sie mit politischen Appellen einher. Die Feststellung des Wandels soll Handlungsdruck erzeugen. Auch daher kommen also die Neuigkeiten, dass sich die bürgerliche Gesellschaft durch sie zu ständigem Entscheiden aufruft, zu ständiger Reform. Einer der ersten deutschen Intellektuellen, Gotthold Ephraim Lessing, hat das interessanterweise unter den Begriff der Schwärmerei gebracht, als er 1780 schrieb: „Der Schwärmer thut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft beschleuniget; und wünscht, daß sie durch ihn beschleuniget werde. Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblicke seines Daseyns reifen. Denn was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere erkennt, nicht noch bey seinen Lebzeiten das Bessere wird?“

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