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Dankesrede zum Börne-Preis : Wie man die Gegenwart erfasst

Die hohen Interessen der Wirklichkeit

Was aber kann nun der Beitrag der Zeitschriftstellerei zur Beantwortung solcher Fragen sein? Börne formuliert in seinem Programm, für den Journalisten sei entscheidend, „die Aussagen der Zeit zu erlauschen“, weswegen es wünschenswert sei, „dass die Tagesblätter in Stundenblätter auseinandergingen, damit nichts überhört werde und verlohren gehe“. Auch das Nebensächliche sei wichtig, wenn es darum gehe, „den innern Bau der bürgerlichen Gesellschaft zu erforschen“. Der Journalist ist für Börne also nicht einfach jemand, der Neuigkeiten berichtet, weil es sie gibt. Er sieht ihn als eine Art Forscher, und dies zu einem Zeitpunkt, als es so etwas wie die Sozialwissenschaften noch gar nicht gab.

Was es hingegen gab, war Philosophie. Im Oktober desselben Jahres 1818 hält Georg Wilhelm Friedrich Hegel seine Antrittsvorlesung an der Universität Berlin. Dabei kommt auch er auf die Zeitumstände zu sprechen. Die Gegenwart habe die „Not der Zeit“ hinter sich. Damit meint er die Folgen der Kriege Preußens gegen Napoleon, die vor kurzem einerseits noch „den kleinen Interessen des täglichen Lebens eine so große Wirksamkeit gegeben“ hätten. Andererseits hätten in diesen Jahren die „hohen Interessen der Wirklichkeit“, nämlich die Wiederherstellung des preußischen Staates und der deutschen Nation, alle geistigen und materiellen Ressourcen absorbiert. Beide, Not wie patriotische Kraftanstrengung, heißt das, waren der Erkenntnis nicht förderlich. Erst jetzt, so Hegel, gewinne der Weltgeist wieder an Ruhe und sei fähig, sich „nach innen und auf sich selbst zu kehren“. Damit meinte der Philosoph aber durchaus nicht, dass sich das Denken von Fragen der politischen, rechtlichen oder wirtschaftlichen Wirklichkeit abzuwenden habe. Ebenfalls 1818 beginnt Hegel in Berlin seine Vorlesung über Rechtsphilosophie, die er mit den berühmten Worten einleitet, Philosophie sei „ihre Zeit, in Gedanken erfasst“, und ihre Aufgabe sei „das, was ist zu begreifen“. Vielleicht kann man das so übersetzen: Die Gegenwart kann nur begreifen, wer sie weder flieht noch ihr ausgeliefert ist. Wer seine eigene Zeit verstehen will, darf nicht in ihren Tageskampf verstrickt sein, aber er muss ihn kennen.

In wie vielen Epochen haben Sie gelebt?

Hier erkennt man einen Gegensatz zwischen Hegel und Börne. Philosophie ist die eigene Zeit, in Gedanken erfasst, sagt der eine. Journalismus ist die eigene Zeit, in Neuigkeiten erfasst, sagt der andere. Der eine möchte die Gegensätze der bürgerlichen Gesellschaft erkennen und zu einer Synthese verarbeiten. Der andere möchte sie fortlaufend erzählen. Der eine läuft Gefahr, schwer verständlich zu werden (um einen Eindruck vieler Hegel-Leser vorsichtig zu formulieren). Der andere läuft Gefahr, sich in „small talk“ zu verlieren, in die Beliebigkeit der Einlassungen eines Amateurs.

Wo stehen wir heute in dieser Frage? Wie steht es um das Verhältnis von Journalismus und wissenschaftlicher Selbsterkundung der bürgerlichen Gesellschaft? Ich greife nur einen Gesichtspunkt heraus. Wenn ich es richtig sehe, dann hat eine zeitdiagnostische Unruhe seit langem auch die Gesellschaftswissenschaften erfasst. Überlegen Sie nur einmal, in wie vielen Epochen und Gesellschaften Sie selbst gelebt haben müssten, wenn es nach wissenschaftlichen Zeitdiagnosen gehen würde.

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