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Dankesrede zum Börne-Preis : Wie man die Gegenwart erfasst

1831 betitelt John Stuart Mill eine Aufsatzserie mit „The Spirit of the Age“ und bezeichnet den Ausdruck als einen ziemlich neuen Begriff, den man vergeblich in Werken suchen werde, die älter als fünfzig Jahre seien. Zeitgeist, so Mill, sei eine Idee, die ganz wesentlich zu einem Zeitalter des Wandels und des Überganges gehöre. Das neunzehnte Jahrhundert werde dermaleinst als Epoche einer der größten Revolutionen der Menschheitsgeschichte erinnert werden.

Vom Zeitschriftsteller zum Journalisten

Hier greifen wir mit Händen, wie eine Gegenwart, die sich als Übergang versteht, schon aus der Perspektive der Zukunft angeschaut wird. Die Zeit des Zeitgeistes wird kürzer. Sie bezieht sich auf das Heute. Und es kommt in den von Mill bezeichneten fünfzig Jahren auch zu der Vorstellung, der Zeitgeist selber sei eine die Geschichte bewegende Kraft. Es wird also nicht nur die Zeit des Zeitgeistes kürzer, gegenwärtiger. Der Zeitgeist bringt angeblich auch selber das Neue hervor.

Im Juni 1818 bringt in Frankfurt am Main der ehemalige Polizeiaktuar Ludwig Börne, damals 32 Jahre alt und ohne rechte Berufsaussichten, eine neue Monatszeitschrift heraus. Er nennt sie „Die Waage. Eine Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst“. Durch sie wird Börne der erste deutsche politische Feuilletonist. In seiner Ankündigung dieser Zeitschrift, die ein „Tagebuch der Zeit“ führen soll, formuliert er sein Programm. Dem fünfundzwanzigjährigen Krieg der Waffen - gemeint ist das politische Geschehen Europas nach der Französischen Revolution - sei keine Zeit der Konsolidierung gefolgt. Vielmehr sei nun erneut ein „Krieg der Meinungen“ ausgebrochen. Diesen „Meinungskampf über Angelegenheiten des bürgerlichen Lebens“ habe der „Zeitschriftsteller“ zu beobachten. Zeitschriftsteller - so nennt Börne, was wir heute einen Journalisten nennen würden.

Wem dient die Kunst?

Was versteht Börne unter diesem Meinungskampf? Es ist die Frage, worum es sich eigentlich bei der bürgerlichen Gesellschaft handelt. Die Unruhe, die ihn bewegt, und die Neuigkeiten, die ihn beschäftigen, haben ihren Ursprung darin, dass es kontrovers ist, in welcher politischen und kulturellen Wirklichkeit die Zeitgenossen leben.

Man könnte auch sagen: die ständige Änderung kommt aus den Wertwidersprüchen der modernen Gesellschaft. Ihr leuchtet etwas ein, aber auch sein Gegenteil. Sie setzt die Gleichheit aller vor dem Gesetz voraus. Aber sie kann sich auch vorstellen, diese Gleichheit demokratisch einzuschränken. Sie bejaht Säkularisierung und Religion, Satire und Respekt. Sollte Freiheit im Konfliktfall ökonomischer Prosperität vorgezogen werden, oder hat es der wohlhabende Sklave am Ende doch besser als der arme Bürger einer Republik? Welche Rolle spielt die Nation, wenn die Prinzipien der Politik kosmopolitisch sind? Und schließlich eine für Börne, den Theater- und Opernkritiker, zeit seines Lebens wichtige Frage: Dient im bürgerlichen Leben die Kunst in erster Linie der Unterhaltung? Oder der Wahrheit? Oder der Schönheit?

Die meisten dieser Wertkonflikte und der Handlungen, die sie auslösen, beschäftigen uns nach wie vor. Wir würden sie nur anders stellen als Börne. Seine Erfahrung als Zeitgenosse der Revolution von 1830 in Paris etwa war, dass das Bürgertum weder eine einheitliche Schicht ist noch die Interessen der Menschheit vertritt, dass also die Freiheiten der einen die Risiken der anderen sind. Diese Erfahrung lässt sich auch heute noch täglich machen. Doch mit den einfachen Unterscheidungen, die seinem politischen Liberalismus zur Verfügung standen, würden sich die Probleme des Wohlfahrtsstaates, der Parteiendemokratie und des Verfassungsrechts genauso wenig behandeln lassen wie die Existenz der Massenmedien, der ästhetischen Avantgarden oder der Finanzmärkte.

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