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Christenheit : Mein erstes Weihnachten

Typisches Ritual: ein hell erleuchteter Weihnachtsbaum Bild: dpa

Wenn der Papst die Vernunft verteidigt, kommt bei Ungläubigen die Erwartung unwahrscheinlicher Gaben unter dem Weihnachtsbaum auf. Ob diese auch Muslimen gefallen, ist die Frage. Eine Überlegung von Dietmar Dath.

          6 Min.

          Man muß die organisierte Christenheit bewundern. In der Sklavenhaltergesellschaft ist sie groß geworden, den Feudalismus hat sie mit geformt, den Kapitalismus bislang gut vertragen, dem Sozialismus getrotzt. Wo eine Prüfung sie anficht, erkennt sie mit Scharfblick die Herausforderung, selbst wenn einzelne ihrer Funktionäre zögern oder straucheln, und stellt sich ihr. Wenn die Lohnabhängigen einer Flughafen-Catering-Firma die Arbeit niederlegen, weil ihnen das Unrecht ihrer Beschäftigungsverhältnisse zu bunt wird, halten Geistliche einen Weihnachtsgottesdienst am Streikzelt ab, während die akademische Linke fortbleibt und anderswo debattiert, ob demnächst die Arbeitsgesellschaft aufhört.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn der politische Islam legitime Beschwerden der Bewohner postkolonialer Erdteile gegen westliche Weltordnerei instrumentalisiert, um in einen asymmetrischen Krieg zu ziehen, in dem keine Gefangenen gemacht werden, bringt mitten im Geschrei ausgerechnet der Papst die Maxime vor: „Leitwert der Gläubigen sei außer Glaube Vernunft statt Gewalt.“

          Es ist zum Heulen und Zähneklappern

          Tatsächlich: der Papst. Kein Chemie-Nobelpreisträger, keine agnostische Philosophin, kein weltweit geachteter Literat, keine sozialdemokratische Ministerpräsidentin eines skandinavischen Staates - dieser Menschenschlag redet vielmehr mit Brei im Mund von offenbar irgendwann einmal überraschend aufgekommenen europäischen Traditionen wie Meinungsfreiheit und Frauenrechten, von kulturellen Differenzen, ambivalenter Moderne und weiß der Teufel wovon sonst noch.

          Daß es zur Beurteilung der Angemessenheit oder Verwerflichkeit von Handlungen und Äußerungen überhaupt andere Kriterien gibt als traditionelle, kulturelle, religiöse, ethnische, geographische, kurz: solche des Geburtszufalls, nämlich diejenigen der Menschenrechte, des schlüssigen Argumentierens und verwandter trockener Gemeinplätze der Aufklärung, ist ihnen entfallen; daran erinnert sie in schwerer Stunde der Bischof von Rom. Die katholische Kirche als großzügige Schutzmacht der bedrängten Ideen säkularer Universalisten - es ist zum Heulen und Zähneklappern.

          Brotrevolten, Sklavenaufstände und Bauernkriege

          Die Aufklärung? Das war nicht irgendeine aparte Philosophie unter anderen, sondern eine Emanzipationsverschwörung, deren politischer Arm die Französische Revolution von 1789 vollbrachte und an diesem Erfolg so sehr erstarkte, daß er neue, unerhörte Welttatsachen schaffen konnte - genau wie der postkoloniale politische Islam seine derzeitige Kraft nicht allein aus der epochalen Dummheit der jüngeren Außenpolitik der Vereinigten Staaten, sondern vor allem aus den sozialen Echos der iranischen Revolution von 1978 und 1979 bezieht.

          Das Besondere am Ereignis 1789 ist innerhalb der letzten zweihundert Jahre das Besondere am Abendland überhaupt geworden. Diese Umwälzung war, mit den Worten von Cornelius Castoriadis, „die erste Revolution, die den Gedanken einer expliziten Selbstinstitution der Gesellschaft zum Ausdruck brachte. Bis dahin kannte man Brotrevolten, Sklavenaufstände, Bauernkriege, Staatsstreiche, reformfreudige Monarchen, auch einige mehr oder minder radikale Neuinstitutionen, wie die Mohammeds, der sich jedoch auf eine Offenbarung beruft, eine Grundlage außerhalb der Gesellschaft. In Frankreich ist es jedoch die Gesellschaft selbst, die sich in ein Unternehmen stürzt, das sehr rasch eines der expliziten Selbstinstitution wird.“

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