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Bundesuniversitäten : Überall Niveau

Einer sich vom Erfolg verwöhnt fühlenden Ministerin kommt eine neue Idee: die Bundesuniversität Bild: dpa

Kaum geht die Exzellenzinitiative zu Ende, kommt Bundesforschungsministerin Annette Schavan die Idee einer Bundesuniversität. Wie so oft in der Bundeshochschulpolitik ist es ein Gedanke ohne Plan.

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          Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hat mitgeteilt, spätestens mit dem Ende der Exzellenzinitiative stelle sich die Frage nach Bundesuniversitäten. Ihr Interview mit der „Berliner Morgenpost“, in dem sie das sagt, enthält auch sonst abenteuerliche Einlassungen. Die Mobilität der Studierenden habe sich in Deutschland zwischen 2000 und 2008 verdoppelt. Der Zustrom von 46 Prozent des Abiturjahrganges an die Hochschulen spreche für eine „große Zustimmung zur neuen Studienstruktur“. Die Studierenden würden sogar sehr darauf achten, welches Bundesland mehr oder weniger in die Grundausstattung seiner Universitäten investiere. Die Wirtschaft akzeptiere den Bachelor auf breiter Front.

          Und so weiter, nichts als Erfolge. Jede Zahl, die sich irgendwie entwickelt, wird auf Bologna zugerechnet, und dieselben Studenten, die soeben noch als unglaublich orientierungsbedürftige, abbruchgeneigte und nur durch Verschulung auf Kurs zu haltende Wesen dargestellt wurden, können jetzt schon einen Vergleich der Grundausstattungen zwischen Nordrhein-Westfalen und Sachsen ziehen.

          Der Spruch mit den Bundesuniversitäten allerdings überschreitet endgültig die Linie zum unfreiwilligen Humor. Denn dass sich die Frage nach den Bundesuniversitäten „spätestens mit dem Ende“ der Exzellenzinitiative stelle, ist insofern ein Scherz, als die Exzellenzinitiative ursprünglich ja als Beendigung der Frage nach einer Bundesuniversität, dem berühmten „deutschen Harvard“, galt. Das Ende vom Ende der Bundesuniversität ist also der Anfang der Bundesuniversität?

          Schwarz-Rot-Gold über Aachen?

          Nun gut, mag man sagen, die Ministerin findet eben, dass die Exzellenzinitiative, die sie selbstverständlich prima findet, nur das Problem nicht gelöst hat, zu dessen Lösung sie gestartet wurde. Also Neustart. Wenn der Präsident der Freien Universität Berlin, Peter André Alt, davon spricht, man müsse sich die Bundesfinanzierung ja nicht als „Komplettlösung“ vorstellen, auch föderal-zentrale Kofinanzierung sei denkbar, beweist das Sinn für das allenfalls Mögliche. Allerdings kann auch Schavan nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Welche Häuser wollte sie denn, nach Ablauf des Wettbewerbs, als Kandidaten für ihre Bundesambitionen ins Auge fassen, gesetzt, sie ist überhaupt noch Ministerin, wenn alle Verfassungsfragen einer Bundeshochschule geklärt wären? Will sie blind mit einem Pfeil auf die Landkarte der Besten werfen, um dann über Heidelberg, München und Aachen Schwarz-Rot-Gold zu hissen?

          Oder sollen es solche Universitäten sein, deren dauerhafte Exzellenz durch die Finanzschwäche ihrer Bundesländer gefährdet scheint? Nach jetzigem Stand wäre das vor allem in Berlin der Fall. Was Wunder, dass ausgerechnet die Präsidenten von Freier und Humboldt Universität (HU) sofort Geschmack an Bundesfinanzierung finden? Mitteilungen wie von Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der HU, angesichts stark unterschiedlicher Finanzspielräume stehe der nationale Anspruch in Frage, Wissenschaft überall auf hohem Niveau zu garantieren, sind aber nicht geeignet, die Debatte verständiger zu machen: überall auf hohem Niveau - was soll denn das konkret heißen? Und warum sollen wir dann über „eine Bundesuniversität nachdenken“ müssen, wenn es um ein Überallniveau geht? Von den schlimmsten Sparnöten sind vor allem Länder betroffen, die bislang gar keine Exzellenz-Hochschulen besitzen. Die trickreiche Rettung der Universität Lübeck durch den Bund hat schon ein Beispiel dafür gegeben, was dort, wo die Not am größten ist, getan werden muss.

          Von Reform zu Reform

          Oder will Schavan alle Exzellenz-Gewinner der „dritten Säule“, also die mit den schönsten Zukunftspapieren, verbundesstaatlichen? Viel Vergnügen beim ersten Treffen mit den Ministerpräsidenten darüber. Doch so zu fragen, setzt bei der Ministerin womöglich schon zu viel an Überlegung voraus. Haben doch weder sie noch ihre Vorgängerin und alle Enthusiasten des Exzellenzbetriebs seit Jahren auch nur einen Gedanken darauf verschwendet, wie es mit ihm weitergehen soll. Genauer: Dass er irgendwie auf Dauer gestellt werden müsse, um kein Strohfeuer zu sein, war der einzige, na ja - Gedanke.

          Ansonsten aber wirtschaftet die Hochschulpolitik relativ unbekümmert um die Folgen ihres Tuns in den Tag hinein. Sie erzeugt über Graduiertenschulen einen Doktorandenberg, der zu Wissenschaftsemigration großen Stils oder noch mehr Drittmittelpensionaten für anderweit nicht verwendbare Forscher führen wird. Sie treibt einen Keil zwischen Lehre und Forschung, indem sie durch die Exzellenzinitiative die Spezies des nichtlehrenden Professors institutionalisiert hat. Sie verschleißt die besten Kräfte der Wissenschaft in Kommissionen zur Abarbeitung ihrer Reformen. Sie gibt sich dem Phantasma hin, „in einem kürzeren Zeitraum als früher ein besseres Studium anzubieten“ (Jan Hendrik Olbertz) und sieht dann erstaunt Studierende, die vor lauter Veranstaltungsbesuch nicht mehr zum Lesen kommen.

          Insofern ist es wiederum ganz folgerichtig wenn die eine Folgenindifferenz durch die nächste abgelöst wird. Man treibt einfach den nächsten Reformvorschlag durchs Dorf. Nach der Föderalismusreform halt nun ihr Gegenteil. Das Prinzip „Immer anders als gerade eben noch“ scheint dabei den ungeheueren Vorteil zu haben, dass Politiker es sich leicht merken können.

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