https://www.faz.net/-gqz-6z84w

Briefwechsel mit Ernst Jünger : Auf dem Kiebitzstuhl der Historie

Ernst Jünger und Ernst von Salomon in Winsen an der Luhe, fünfziger Jahre Bild: DLA Marbach

Zwei kämpferisch gestimmte Nationalrevolutionäre freunden sich um 1930 an und scheiden sich zunehmend in der Selbstkorrektur: Der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Ernst von Salomon.

          4 Min.

          Der Brief erreichte Ernst Jünger aus dem Gefängnis: Berlin-Moabit, Block C II, Zelle 396. Sein Absender: Der Häftling Ernst von Salomon, Freischärler im Baltikum und in Oberschlesien, Schriftsteller, Mitglied der terroristischen „Organisation Consul“, Beteiligter an der Ermordung Walther Rathenaus und drei Jahrzehnte später, Anfang der fünfziger Jahre, Autor des Romans „Der Fragebogen“, der zum ersten großen Bestseller der jungen Bundesrepublik werden sollte. Salomon saß in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wurde, an mehreren Bombenanschlägen auf öffentliche Gebäude beteiligt gewesen zu sein, die im Umkreis der Landvolkbewegung verübt wurden, unter anderem auf das Rathaus von Lüneburg am 5. September 1929.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Jünger und Salomon hatten sich im Vorjahr über die Zeitschrift „Der Vormarsch“ kennengelernt und pflegten innerhalb der damaligen nationalrevolutionären Kreise lose Kontakte, aus denen eine enge Freundschaft erwuchs, die bis zum Tod Ernst von Salomons im Jahr 1972 Bestand hatte. Jetzt hat Claudia Scheufele den Briefwechsel der beiden Autoren erstmals publiziert und mit einem Kommentar versehen (“Sie begann mit ,Sehr verehrter Herr’ und schloss mit ,mein lieber’ ab . . .“ Die Korrespondenz zwischen Ernst Jünger und Ernst von Salomon aus den Jahren 1929 bis 1970. In: Werke und Korrespondenzen. Ernst Jünger im Dialog. Revue du Centre de Rechcherche et de Documentation Ernst Jünger. Belleville Verlag, München 2012.)

          „Presseterror“ und „zaristische Methoden“

          Die insgesamt 22 überlieferten Briefe, ergänzt um einen Brief Jüngers an Bruno von Salomon sowie einige weitere aufschlussreiche Dokumente, erlauben Einblicke in eine Schriftstellerfreundschaft, die in einer Zeit ihren Anfang nahm, als beide Beteiligten „in der Idee lebten“, wie Ernst von Salomon es 1953 im Rückblick mit einem Wort Jüngers ausdrückte, aber noch an die Tat glauben wollten.

          Jünger sympathisierte mit der nationalrevolutionären Landvolkbewegung. Es sei die erste „praktische Bewegung“, an der er wirklich Anteil nehme, ließ er fünf Tage nach dem Lüneburger Anschlag den ebenfalls inhaftierten Bruno von Salomon brieflich wissen: „Es ist sehr wichtig, dass wir Herde besitzen, in denen das Feuer der Anarchie sich erhält.“ Wiederum fünf Tage später, am 15. September 1929, erscheint unter der Überschrift „Vorschusslorbeeren der Polizei“ ein Artikel Ernst Jüngers in der „Deutschen Zeitung“, in dem Jünger die Verhaftungen der Salomon-Brüder und einiger anderer verurteilt, von „zaristischen Methoden“ spricht, politische Motive seitens der Polizei unterstellt und die Berichterstattung auf das Schärfste verurteilt und behauptet, „dass es eine Art des Presseterrors gibt, die weit verächtlicher ist als jeder Bombenterror“. Besonders hervorgehoben wird in dieser Verteidigungsschrift, die man in dem von Sven Olaf Berggötz herausgegebenen Band mit Jüngers Politischer Publizistik der Jahre 1919 bis 1933 nachlesen kann, vor allem ein Name: Ernst von Salomon.

          Ordentlich geweitete Wirtschaftswundernachkriegshaut

          In dem Brief, den Salomon dann wenig später, am 26. Oktober 1929, im Untersuchungsgefängnis an Jünger schreibt, wird dieser Versuch einer Verteidigung nicht erwähnt. Statt dessen kommt Salomon auf Arnolt Bronnens Roman „O.S.“ zu sprechen, der die blutigen Kämpfe zwischen Deutschen und Polen in Oberschlesien Anfang der zwanziger Jahre beschreibt. Jünger hatte sich zu dem Buch mehrfach geäußert, unter anderem auch im Rahmen einer von der Zeitschrift „Der Scheinwerfer“ angeregten Debatte, auf die Salomon sich in seinem Brief bezieht. Der „Durchbruch des Elementaren“, den Jünger als Voraussetzung der Ablösung der bürgerlichen Welt erhoffte, habe sich in einigen wenigen Akten der Anarchie erschöpft, so dass man meinen könnte, der „anarchische Raum“ sei verschwunden. Tatsächlich aber, so Ernst von Salomon in seinem Brief, habe er sich nur verlagert: von sehr gefährlichen Regionen, wie sie noch von Bronnen in „O.S.“ geschildert würden, zu den „gefährlicheren Zonen des Geistes. Juristisch ausgedrückt müsste also, um mit einem kühnen Dreh auf meine nicht unwerte Person zu kommen, ich mich bemühen, mich nicht einer Beschuldigung wegen Bombenschmeißens und ähnlicher Scherze, sondern vielleicht wegen Hochverrats auszusetzen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Für jene, die nichts erben, wird das Eigenheim wohl oft ein unerfüllter Traum bleiben.

          Finanzierung : Eigenheime und Aktien sind Granaten

          Sollte man Hauskredite so langsam abbezahlen wie möglich und das Geld lieber in Aktien stecken? Wer so handelt, braucht starke Nerven. Wer die nicht hat, sollte anders vorgehen.
          Unser Autor: Johannes Pennekamp

          F.A.Z.-Newsletter : Französische Tristesse am Nationalfeiertag

          Am wichtigsten Feiertag des Landes will Emmanuel Macron das französische Volk nach dem Corona-Chaos wieder hinter sich bringen. Wie er das schaffen will und was sonst wichtig wird, steht im Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.