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Briefwechsel mit Ernst Jünger : Auf dem Kiebitzstuhl der Historie

Was Jünger, dessen Repliken leider nur spärlich erhalten sind, in einem Brief vom 21. August 1930 schreibt, lässt sich als ein später Widerspruch dazu lesen: „Das Attentat ist eins der besten Zeichen für die Schärfe des (deutschen, gestrichen) Instinkts, der den Fundamenten so nahe ist, dass ihn begründen zu wollen, nur eine Schwächung der Fundamente bedeuten kann.“ Konkreter Hintergrund dieser Bemerkung ist der Mordanschlag auf Walther Rathenau, den Ernst von Salomon in seinem damals unmittelbar vor der Veröffentlichung stehenden Roman „Die Geächteten“ behandelte. Nur drei der insgesamt 22 Briefe stammen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Erst 1953 geht es weiter, und nun klingt alles ganz anders. Er habe, so sagte Jünger 1986 im Figaro Littéraire über den verstorbenen Freund, in Ernst von Salomon zwei Personen kennengelernt, die so verschieden voneinander waren, dass es „kaum zu glauben war, dass sie in derselben Haut steckten“. In dieser ordentlich geweiteten Wirtschaftswundernachkriegshaut des ehemaligen Nationalrevolutionärs steckte nun offenbar schon bald ein jovialer Bonvivant, der in seinen Briefen von Sauftouren an die Mosel mit seinem Verleger Ernst Rowohlt und anderen Gefährten schwärmte oder von Hausbesitzerfreuden, Familienvatersorgen und Verlagsmalaisen erzählte, meistens im gutmütig polternden Tonfall des notorischen Schwadroneur. Politisches kommt kaum noch vor, Privates dominiert, eher sparsam garniert mit Literarischem.

Ein selbstzufriedener Schenkelklopfer

Dieser „Anekdotier“, wie ihn Jünger 1986 im Rückblick bezeichnete, habe ihm als warnendes Beispiel gedient, das die eigene Abneigung gegen terroristische Akte nur bestätigte: „Der Attentäter verletzt nicht nur sein Opfer; er fügt sich selbst eine unheilbare Wunde zu.“ Abgesehen davon, dass Jünger hier eher aus egozentrischer denn aus ethischer Perspektive zu urteilen scheint, sprechen die Zeugnisse der frühen Jahre auch eine andere Sprache. Wenige Wochen vor der Inhaftierung Salomons im September 1929 beklagte Jünger in seiner Rezension von Bronnens „O.S.“, dass sich die Zellen der Zuchthäuser noch immer öffneten für „Handlungen, die im Bannkreise furchtbarer Gefahren und im selbstlosen Dienste für die Nation notwendig wurden“ und nun nach Maßstäben einer „verlogenen und verstunkenen Humanitätsmoral abgeurteilt“ würden. Auch ein Ernst von Salomon dürfte gemeint gewesen sein, als Jünger diese schamlose Vergewaltigung des besten, des bereitesten Blutes der Nation durch einen abgestorbenen Geist“ voller Erbitterung beklagte.

Ein selbstzufriedener Schenkelklopfer, als der Salomon in dieser schmalen Korrespondenz erscheint, ist Jünger nie geworden. Seine Selbstkorrekturen sahen anders aus. Am 25. Dezember des Jahres 1990 ließ er Vergangenes Revue passieren: „Schon wird der Anfang des Jahrhunderts mit der Einrichtung unserer Großväter museal. Was ist eine Voyeuse? Ein Kiebitzstuhl, auf dem man rittlings sitzend rauchen und den Kartenspielern ins Blatt gucken konnte, die Ellenbogen aufgelehnt. Und eine Trembleuse? Ein Mokkaservice mit so zierlichen Tässchen, dass schon die Berührung ein Wagnis war. Anschließend im Wald. Obwohl es getaut hat, ist der Schnee noch hart. Wenn man auf dem Rückweg in die Spur tritt, wird sie nicht verwischt, sondern vertieft. So auch geschichtlich und biographisch - den Fehltritt können wir nicht löschen, wohl aber in eine neue Qualität rücken.“

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