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: Berufungen

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Die Debatte um die 1964 gescheiterte Berufung Peter Szondis auf den Frankfurter germanistischen Lehrstuhl (F.A.Z. vom 6., 13. und 20. Juli) verdient in manchen Einzelheiten eine Ergänzung. Was stand hinter ...

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          Die Debatte um die 1964 gescheiterte Berufung Peter Szondis auf den Frankfurter germanistischen Lehrstuhl (F.A.Z. vom 6., 13. und 20. Juli) verdient in manchen Einzelheiten eine Ergänzung. Was stand hinter Adornos vehementer Ablehnung des Mitkandidaten Heinz Politzer, die er gleich zu Beginn der Verhandlungen mit seinem "Einspruch gegen H. Politzer wegen persönlicher Angriffe" zum Ausdruck brachte?

          Heinz Politzer, 1910 in Wien geboren, 1938 nach Palästina und 1947 weiter in die Vereinigten Staaten emigriert, wo er seit 1960 an der University of California in Berkeley lehrte, hatte im Sommersemester 1964 in Frankfurt einen Vortrag über Grillparzer gehalten, und er gefiel den Kollegen offenbar so gut, daß sie ihn sogleich neben den von Adorno favorisierten Szondi auf die Kandidatenliste für den germanistischen Lehrstuhl IV setzten. Politzer, der als angesehener Kafka-Forscher galt, verfolgte, zurückgekehrt nach Berkeley, die Frankfurter Berufungsverhandlungen mit gemischten Gefühlen. Es zog ihn nach Frankfurt, zumindest auf eine Gastprofessur, die er zum Sommersemester 1965 auch erhalten sollte. Vor dem definitiven Schritt aber zögerte er. Seine Korrespondenzen mit Rudolf Hirsch, seinem Lektor, und mit dem Frankfurter Germanisten Paul Stöcklein, der in der Kommission Politzers Berufung betrieb, geben Auskunft über den Verlauf der Berufungsverhandlungen.

          In einem Brief vom 23. Juli 1964 - also einen Tag nach der im Beisein von Adorno und Habermas im Streit eskalierenden Sitzung der Berufungskommission, auf die sich auch Jürgen Habermas in seiner Replik bezog (F.A.Z. vom 13. Juli) - teilte Rudolf Hirsch nach Berkeley mit, daß man Politzer auf den Frankfurter Lehrstuhl haben möchte. Paul Stöcklein sowie Heinz Otto Burger, Helmut Viebrock und natürlich auch er selbst seien von dem Gedanken an Politzer in Frankfurt "enthusiasmiert". Am Abend zuvor habe er allerdings Adorno getroffen, "dem ich erzählte, wie erfolgreich Sie vorgetragen haben. Er war ein wenig bitter und sprach von jenem Angriff, den Sie - es war wohl im ,Monat' - gegen ihn einmal in Sachen Kafka gerichtet hatten."

          In dem von Hirsch erwähnten Kafka-Aufsatz, der Adornos Unwillen erregt hatte (Kafka mit der roten Nelke, 1959), setzte sich Politzer mit der Kafka-Rezeption auseinander. Adornos Auffassung kritisierte er als "ungebührliche Vereinfachung" und setzte seine eigene, religiös-metaphysisch begründete Sicht dagegen: "Die Frage ist lediglich, ob Kafkas Auflehnung dem Zeitgeist galt, der ,imperialistischen Periode', der ,kapitalistischen Spätphase', ob er also sein Werk sozial intendierte - oder ob er das Soziale nur als Kulisse, als Vor-Wand einer höheren Wirklichkeit gebrauchte." Auf Rudolf Hirschs Brief antwortete Politzer am 30. Juli 1964 leicht ungehalten: "Adorno ist zu empfindlich. Ich habe lediglich im ,Forum' und in meinem Buch festgestellt, daß ich nicht seiner Meinung bin. Ein Gespräch mit ihm, das längst fällig ist, würde da wahrscheinlich Abhilfe leisten." Und in einem anderen Brief heißt es: "Was Adorno anlangt, so könnte ich mir denken, daß ihm die ganze Richtung nicht paßt, das heißt, daß er mit seinem feinen Gespür gemerkt hat, daß ich kein Neo-Hegelianer bin. Auch an Zwischenträgerei wäre zu denken."

          In seinem Antwortbrief vom 5. August bezieht sich Rudolf Hirsch ausdrücklich auf die Vorgänge in der Sitzung vom 22. Juli 1964: "Adorno war in der letzten Sitzung der Berufungs-Kommission sehr scharf, Burger griff ihn dann so an, daß er zurücktrat und daß nun ein neuer Ausschuß gebildet werden muß. Aber dies nur für Sie!" Beunruhigt durch diese Nachrichten, schrieb Politzer einige Tage später an Hirsch: "Ich hoffe freilich nicht, daß sich Adornos ,Schärfe' und sein Rücktritt aus dem Berufungs-Komitee an meine Angelegenheiten knüpfen. Wie ich Ihnen schon schrieb, bin ich mir keines crimen laesae majestatis bewußt. Andererseits bedeutete ein anhaltender Widerstand von seiner Seite, noch dazu durch nichts als eine akademische Meinungsverschiedenheit ausgelöst, den Willkomm eines Hornissennestes."

          Im Dezember 1964 hatte sich nach dem Ausscheiden Peter Szondis, der dem Ruf nach Berlin folgte, die Lage in Frankfurt offenbar entspannt. Politzer stand auf der neuen Kandidatenliste nunmehr an erster Stelle, die Probleme mit Adorno waren jedoch noch nicht ausgeräumt. Am 9. Dezember 1964 schrieb Hirsch nach Berkeley: "Während der letzten Tage verbrachte ich viele Stunden mit Telefonaten über die Berufung, die an Sie ergehen soll und wird. Adorno fragte mich heute, ob ich für Ihre ,Menschlichkeit' bürgen kann und ob ich es übernehmen würde, bei der ersten Begegnung mit Ihnen zugegen zu sein. Ich konnte ihm mühelos seine Furcht nehmen, und nun ist er, wenn nichts Ungewöhnliches passiert, gewonnen. Zwar wäre er wohl auch sonst überstimmt worden, aber man tritt dem Ministerium gegenüber gern einmütig auf. Peter Szondi hat inzwischen den komparatistischen Lehrstuhl in Berlin erhalten und ist mit ihm zufrieden."

          An Politzers Korrespondenz mit Rudolf Hirsch und Paul Stöcklein - der eine zur jüdischen Emigration gehörend, der andere während des Dritten Reichs Mitglied einer Vielzahl nationalsozialistischer Gruppierungen - wird das heterogene Spektrum der Nachkriegszeit sichtbar, in dem sich ehemalige Parteimitglieder und emigrierte Wissenschaftler in einer scientific community wiederfanden. Germanisten wie Paul Stöcklein könnten, motiviert durch Schamgefühl und Wiedergutmachungsbestrebungen, die Möglichkeit erneuter Partnerschaft dankbar ergriffen haben. Stöckleins Korrespondenz mit Politzer bezeugt eine durchaus freundschaftliche Verbindung. Politzer, der sich in seinen Briefen als offener und liebenswürdiger Gelehrter zeigt, begrüßte die nach Berkeley geladenen deutschen Germanisten, von Benno von Wiese bis Fritz Martini, gleichermaßen aufmerksam und freundlich. Regina Weber

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