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Bausteine für ein Museum des Exils (10) : Kulturindustrie und Nationalsozialismus

  • -Aktualisiert am

Krieg als Freizeitbeschäftigung: „Is War a Kind of Leisure?“, fragte sich Karl Otten Bild: Deutsches Literaturarchiv Marbach

Zeitdiagnosen eines Desillusionierten: Karl Otten studierte die moderne Welt, die Massen, ihre Antriebe und die Kräfte, die sie beherrschen.

          Er konnte kein Englisch und war 47 Jahre alt, als er 1936 in London eintraf. Dass er überhaupt einreisen durfte, verdankte er seiner Mitarbeit an dem Film „Kameradschaft“, den der Immigration Officer zufällig kannte. Karl Ottens Weg nach London führte ihn durch halb Europa. Schon im März 1933 hatte er Berlin verlassen, drei Tage bevor die Gestapo seine Wohnung durchsuchte. Er war bekannt als expressionistischer Schriftsteller, als Kommunist und Russland-Verehrer. Im Kaiserreich war er als Anarchist registriert, hatte die Zeit während des Ersten Weltkriegs als Pazifist in Schutzhaft verbracht und Freunde wie August Macke zur Desertion aufgefordert. Mit seiner späteren Frau Ellen Kroner, die aus einer jüdischen Familie stammte, war er über Paris und Barcelona ins republikanische Mallorca geflüchtet, wo er nach dem Umsturz im Juli 1936 durch Franco-Anhänger verhaftet wurde. Über Barcelona, Marseille und Paris gelangte er nach Großbritannien, das ihm ein geeigneter Unterschlupf zu sein schien, weil es - den Kriegsfall bereits angenommen - nicht an Deutschland grenzte.

          Obwohl Otten als deutschsprachiger Schriftsteller kaum Aussicht auf Einkünfte hatte, begann er sofort fieberhaft zu schreiben. Zuerst verarbeitete er seine Eindrücke aus dem Spanischen Bürgerkrieg in dem Roman „Torquemadas Schatten“. Das Buch, das von ihm und seiner Frau „Bumerang“ genannt wurde, weil es von den Verlagen immer wieder zurückkam, erschien 1938 bei Bermann-Fischer in Stockholm. Aber auch dieser kleine Erfolg verbesserte Ottens finanzielle Situation nicht. Lange Zeit lebte er vor allem von Hilfsorganisationen. Wenn er überhaupt Geld verdiente, dann mit seinen Radiobeiträgen für die BBC.

          Die Folgen des Wirklichkeitsverlusts

          Nachdem die Ausstrahlung deutscher Sendungen zunehmend eingeschränkt wurde, begann er auf Englisch zu schreiben. Von 1937 bis 1941 arbeitete er an einer soziologischen Studie über das nationalsozialistische Deutschland (“Geplante Illusion“. Eine Analyse des modernen Deutschland, 1989), die 1942 in Übersetzung unter dem Titel „A Combine of Aggression. Masses, Elite and Dictatorship in Germany“ in London herauskam. Der deutsche Titel trifft genauer, worum es in dem Buch geht: Es ist eine kritische Studie über die moderne Welt, die Massen, ihre Antriebe und die Kräfte, die sie beherrschen. Deutschland dient dabei als konkretes Beispiel, Otten lässt aber keinen Zweifel daran, dass es ihm ums Ganze geht. Seine Kritik richtet sich ebenso gegen die nationalsozialistische Propaganda und die amerikanische Kulturindustrie wie gegen den Stalinismus.

          Eine wichtige Rolle dabei spielen der Film und seine Wirkung auf die Massen, die „zwischen Schein und Sein zu unterscheiden gleichermaßen außerstande sind und der unbewussten Suggestion unterliegen, dass das Leben ein Film sei, der abrolle und sich nur aus dem Zuschauerraum in den Lebensraum, in das Tageslicht verirrt habe“. Die Folgen des Wirklichkeitsverlusts, den Siegfried Kracauer bereits 1928 in seinem Essay „Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“ beschrieben hatte, dehnt Otten auf den Krieg aus, auf Gewalt, Terror und Sex. Die Notizen zu diesem Thema hat er 1941 und 1942 in einen Blindband geschrieben, den ihm Gottfried Bermann Fischer geschenkt haben könnte. Es ist der buchgestalterische Entwurf für den ersten Band des epischen Werks von Gerhart Hauptmann aus dem Jahr 1935.

          Der Weg zu einem Museum des Exils

          Vor einem Jahr hat die Schriftstellerin Herta Müller die Bundeskanzlerin dazu aufgefordert, ein Museum des Exils zu gründen. „Menschen fallen aus Deutschland“, so überschrieb die Nobelpreisträgerin ihren offenen Brief, in dem sie an die Exilanten erinnerte, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben und ermordet wurden.

          Der Appell traf auch im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek und im Deutschen Literaturarchiv Marbach auf offene Ohren.

          Anlässlich der Ausstellung „Fremd bin ich den Menschen dort“, die vom 30. August bis 20. Oktober in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt gezeigt werden wird, gibt das Deutsche Literaturarchiv dort in der Veranstaltungsreihe „Zeitkapsel“ Einblick in seine seit 1955 gesammelten Exilbestände.

          Vorab präsentieren wir in den kommenden Wochen zehn Fundstücke, die das Schicksal der Emigration aus Deutschland besonders eindringlich veranschaulichen.

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