https://www.faz.net/-gqz-79582

Bald Lateineuropa? : Berlusconis Philosoph liebt krude Thesen

Eine andere Rückfrage an Agamben wäre, wie es denn eigentlich dazu kam, dass jenes politische Europa, das ihm so verhasst ist, von Katholiken gegründet wurde: Schuman, de Gasperi, Adenauer, de Gaulle? In dieser Zeitung hat der Philosoph Angelo Bolaffi einst darauf hingewiesen, dass jener de Gaulle, für den Kojève sein angeblich hellsichtiges Memorandum schrieb, den lateinischen Traum, der dreizehn Jahre lang tatsächlich die Außenpolitik Frankreichs bestimmt hatte, 1958 sofort beendete, als er an die Macht kam. War de Gaulle gar kein Franzose und von der „Süße des Daseins“, die Frankreichs Lebensart bestimme, nicht erreicht?

Zivilisationsmerkmal Dolce vita?

Es ist diese Art von Völkerpsychologie, die ganzen Nationen Konfessionen und Lebensstile zuordnet, die Agambens - und auch schon Kojèves - Einlassung so willkürlich und, bezogen auf die politische Lage, so verantwortungslos macht. Denn den Lesern soll eingeredet werden, dem lateinischen Menschen sei der Kapitalismus fremd, die Deutschen hingegen seien Exponenten einer „protestantischen Ethik“.

Aber Max Webers Text über den Geist des Kapitalismus, dem man diese Formel entnimmt, ohne ihn zu kennen, war gegen die Deutschen als gemütliche Lutheraner geschrieben. Die starken Wirtschaftsregionen in Deutschland sind nicht die eindeutig protestantischen. Die Engländer - sind sie immer noch Puritaner, sie waren es doch schon zu Webers Zeiten nicht mehr? - wiederum wollen vom Euro gar nichts wissen und gewiss nicht den Italienern den Lebensstil wegnehmen. Die mittelmeerische-katholische Süße des Daseins als Zivilisationsmerkmal des Südimperiums wirkt überdies wie von Königsberger Touristen der zwanziger Jahre ausgedacht. Ob Kojève unter humaner Freizeitgestaltung sich Camping oder das vorstellte, was wenige Jahre danach in „Die Ferien des Monsieurs Hulot“ zu sehen war, die allerdings am Atlantik spielten?

Aggressive nationale Stereotypen

Auch Unterscheidungen wie der „staatsdominierte Kapitalismus“ im Süden und der „marktdominierte“ im Norden sind einfach nur komisch, wenn man an skandinavische Staaten, aber auch die deutsche Sozialpolitik denkt oder an Sizilien. Die Frage, ob der Markt oder der Staat das Dasein bestimmen solle, lässt sich wohl kaum auf Nationen projizieren. Angesichts der europäischen Staatsquoten, angesichts des ubiquitären Lobbyismus und angesichts der Rettung von Banken durch Staaten und der Finanzierung von Staaten durch Anleger gehört sie ohnehin zu den sinnlosesten Fragen überhaupt. Genau so gut könnte man Länder danach unterscheiden, ob in ihnen eher die Männer oder eher die Frauen am Kinderzeugen beteiligt sind.

Verantwortungslos ist an solchen literarischen Phantasien ohne jeden empirischen Gehalt, dass sie die Neigung verstärken, sich neuerlich mit aggressiven nationalen Stereotypen zu versehen. Wahlweise erscheinen „die Italiener“ dann als römisch-katholische Daseinsgenießer, als Mafiosi, Berlusconi-Anhänger oder betrügerische Großschuldenmacher. Man zieht ein paar griechische Nationalisten vor die Kamera, suggeriert, so sei der Grieche, und kann sich sicher sein, dass dann der Deutsche seinerseits gewiss ist, so nicht zu sein. Den anderen verkauft Agamben, der selbst nicht in der Lage wäre, auch nur zehn Minuten verständig über Demokratie oder Kapitalismus zu reden, die Deutschen seien a) Protestanten, b) Kapitalisten (also Betrüger), c) noch immer keine vorbildliche Nation.

Aber was soll das sein, eine vorbildliche Nation? Im Blick auf die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhundert kämen wohl allenfalls die Dänen in Frage. Und vermutlich wird man selbst da sagen müssen: manche Dänen. Ansonsten dient aber das pseudophilosophische Gerede von Leuten, die sich lieber in der Sache kundig machen sollten, nur dem Aufstacheln von Gehässigkeit durch Gemeinplätze und durch Phrasen aus dem Wörterbuch der Kulturkreislehre, die beim Aufwärmen giftig werden.

Weitere Themen

Frankreichs Dilemma in Mali

Nach Militärputsch : Frankreichs Dilemma in Mali

Mali verliert einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Nach dem Militärputsch hat Frankreich die gemeinsamen Militäraktionen ausgesetzt. Präsident Macron erwägt einen Truppenabzug.

Topmeldungen

Joshua Kimmich : Die Königsfigur

Was hasst Joshua Kimmich mehr, als ein Spiel zu verlieren? Zwei Spiele zu verlieren. Es wird viel mit ihm zu tun haben, ob die Nationalmannschaft das gegen Portugal verhindern kann.
Vor der Amtsübergabe: Joe Biden mit seiner Frau Gill am 20. Januar in der Cathedral of St. Matthew the Apostle in Washington D.C.

Aufstand der Bischöfe : Keine Kommunion mehr für Joe Biden?

Amerikas katholische Bischöfe kritisieren, dass sich Präsident Biden beim Thema Schwangerschaftsabbruch an die geltende Rechtslage hält. Bald könnte er von der Kommunion verbannt werden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.