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Geschichte des Anarchismus : Bakunin und die Freimaurer des „Grand Orient“

Geheimgesellschaften wie die Freimaurer boten den Revolutionären des neunzehnten Jahrhunderts eine europaweite kommunikative Infrastruktur.

          10 Min.

          Im neunzehnten Jahrhundert bestanden zwischen den Protagonisten der radikalen, demokratischen und sozialistischen Bewegungen einerseits und den Freimaurern andererseits enge Beziehungen. Sieht man es von der Seite der Politisch-Oppositionellen her, die meist auch scharf antiklerikal eingestellt waren, dann bot die internationale Gemeinschaft der Freimaurer eine europaweite, bis nach Russland reichende Infrastruktur der Kommunikation, die ihnen die Kontaktaufnahme zu möglichen Sympathisanten, sei es in Italien, in Polen, in Frankreich oder in Großbritannien, erlaubte. Zwischen Gemäßigten und Radikalen in der Freimaurerei gab es ein weites Feld von Optionen, maurerische Kontakte waren in jedem Falle nützlich für die Revolutionäre.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Unter diesen war keiner, und zwar zeitlebens, tiefer in die Sphäre der Geheimgesellschaften eingetaucht als Michail Bakunin. Als es im Dezember 1825 zur Adelsverschwörung der Dekabristen („Dezembristen“) kam, war einer der fünf Konspirateure, die man nach der Niederschlagung der Revolte erhängte, ein Cousin von Bakunins Mutter Varvara; zwei weitere ihrer Cousins gehörten der Geheimgesellschaft an, die die Erhebung vorbereitet hatte. Die Anfänge der Dekabristen, so lesen wir in Richard Pipes’ „Russian Conservatism and its Critics. A Study in Political Culture“ (Yale University Press, 2005), waren zunächst unauffällig: „Etwa zweihundert Offiziere . . . gründeten 1816 die ,Union der Rettung‘, eine geheime Organisation, sehr ähnlich der Freimaurerei, mit der viele ihrer Mitglieder verbunden waren.“ Man kann es als sicher annehmen, dass allein dies beim jungen Michail Bakunin eine gewisse Sympathie für revolutionäre Verschwörungen begünstigte – erklärte er doch später, in Russland sei es die „kleine Sekte der Freimaurer“ gewesen, die „im Verborgenen die heilige Flamme der Liebe zur Menschheit bewahrte“.

          Bei seinem ersten Paris-Aufenthalt 1845 trat er der in Frankreich bedeutendsten Großloge des „Grand Orient“ bei, die sich noch heute seiner Mitgliedschaft rühmt. Zwar wusste man von dieser Zugehörigkeit wenig – das Verschwiegenheitsgebot der Freimaurer wirkte auch hier, und selbst enge Weggefährten scheinen manchmal nichts geahnt zu haben – aber sein Biograph, der britische Historiker E. H. Carr, stellte in seinem Buch über den berühmtesten Revolutionär Europas fest, dass die Beziehungen zwischen „fortgeschrittenem politischem Denken“ und Freimaurerei traditionell stets eng gewesen seien.

          Man verfüge über keine genaueren Informationen, so schrieb Carr weiter, berief sich aber auf ein Dokument im Dresdner Staatsarchiv, aus dem hervorgehe, dass Bakunin für drei Jahre Mitglied in der Schottischen (das heißt: Hochgrad-) Loge des „Grand Orient“ in Paris war. Wolfgang Eckhardt, der gegenwärtig wohl beste Kenner (und Herausgeber) Bakunins, hat in Dresden das fragliche Dokument nicht ausfindig machen können. Eine indirekte Bestätigung, so teilt er mit, sei indes ein Brief des Grafen Heliodor von Skórzewski, Stuhlmeister der Freimaurer, Veteran der napoleonischen Armee, an Bakunin vom 9. Oktober 1848, der sich in den Dresdner Akten erhalten hat: „Ich freue mich, in dir einen Bruder zu kennen; dein Diplom werde ich dir recht bald zukommen lassen und schreibe heute nach Paris, um die Besorgung zu beschleunigen“, schreibt er darin, das deute zumindest auf Paris und Bakunins dortige Mitgliedschaft hin. Bakunin, aus Preußen ausgewiesen, hatte sich den Bart abgeschnitten und war im September 1848 nach Breslau gefahren; pessimistisch, was die deutsche Revolution anging, optimistischer aber für die slawischen Völker, vor allem für die Polen.

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