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Ausstellung: „Die Sprache Deutsch“ : Was nicht verstanden wird, wird vernetzt

  • -Aktualisiert am

Hirnstrommessung, 2008 Bild: Max-Planck-Institut für Kognitions- und

Sprache kann man im Grunde nicht erklären. Man kann nur immer wieder staunen, über das, was sie ist und bewirkt. Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat sich trotzdem an einen Erklärungsversuch gewagt, Edo Reents hat sich die Ausstellung angeschaut.

          Was ist Sprache? Man weiß es nicht. Das von Hadumod Bußmann 1983 erstellte Lexikon der Sprachwissenschaft verzeichnet unter dem Eintrag „Sprache“ einen Tatbestand, der entmutigend wirkt und eigentlich von jeder weiteren Befassung damit abhalten müsste: „In der Sprachwissenschaft wird die Vieldeutigkeit des Begriffs S. (zu verstehen als ,Sprache', ,Sprechen', ,Sprachfähigkeit', ,Einzelsprache') in Abhängigkeit vom jeweiligen Theorieverständnis und Erkenntnisinteresse durch Abstraktion und Abgrenzung von Teilaspekten terminologisch differenziert bzw. präzisiert.“ In Abhängigkeit vom jeweiligen Theorieverständnis - das setzt die Existenz von Theorien als etwas Selbstverständliches voraus, verkennt aber, dass alle, wirklich alle Theorien über die Sprache etwas Unzulängliches, Lückenhaftes, Schiefes oder sogar Unsinniges an sich haben.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Jeder, der sich zur (deutschen) Sprache äußert, wirft dabei mit Herder-, Grimm- und Humboldt-Zitaten nur so um sich, ohne deren oftmals so lächerlich apodiktischen Charakter zu befragen - die Pest geflügelter Worte, die sich im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt haben. Und wenn man, mit Wilhelm vom Humboldt, noch so oft behauptet, dass der Mensch die Dinge nur so wahrnimmt, wie die Sprache ihm dies vorgibt - wahrer wird es dadurch nicht. Man weiß es einfach nicht: Liegt jeder Sprache wirklich eine spezifische Weise der Weltwahrnehmung zugrunde? Dazu wäre zu klären, ob Wahrnehmung grundsätzlich an Sprache gebunden ist. Sie kann sich, differenziert, nur sprachlich mitteilen; aber das, was der Mitteilung vorausgeht, ist womöglich gar nicht an Sprache gebunden.

          NS-Zeit als Ursache für Sprachschlampereien?

          Man sollte sich demütig in Strukturanalysen üben, die Respekt haben vor dem Rätsel „Sprache“, die eingestehen, dass Sprachwissenschaft über Deskription im Grunde nie richtig hinauskommt, und von Theorien, die der Sprache nur übergestülpt werden können, die Finger lassen. „In Abhängigkeit vom jeweiligen Theorieverständnis“ - das heißt am Ende auch nur: jeder, wie er will und meint. Sehr hintersinnig, die Frau Bußmann!

          Tischmikrophon, um 1930

          Mit solchen grundsätzlichen und vielleicht ein wenig spielverderberischen Überlegungen betritt man die sogenannte Tonschleuse, einen mit rotem Teppich ausgelegten Tunnel, in dem man einem Stimmengewirr aus bloßen Lauten, Wörtern, Phrasen und Sätzen aus dem Alt- bis Neuhochdeutschen ausgesetzt ist - ein quergelegter Babelturm, der das heillose Durcheinander veranschaulichen soll, das nicht nur zwischen Einzelsprachen herrscht, sondern, in geschichtlicher, diachroner Betrachtung, auch innerhalb des Deutschen? Willkommen jedenfalls in der Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

          Hören wir zunächst, was der Hausherr dazu mitzuteilen hat: „Untugenden der deutschen Sprache sind die häufigen Mehrfachbedeutungen, das Ungefähre des Satzbaus und das Regellose. Niemand herrscht über die Sprache. Gefährdet ist sie, weil wir sie als ,Nationalsprache' aufgegeben haben, aber noch nicht als verbindende Gemeinsprache verstehen. Nach den vom Nationalsozialismus bestimmten Gewaltexzessen und Ideologien sind Zweifel und Rücksichten aufgekommen, die dazu geführt haben, die deutsche Sprache gegenüber anderen Nationen zurückzunehmen und nur noch nachlässig untereinander zu gebrauchen.“ Regellos, ungefährer Satzbau, nachlässiger Gebrauch - Hans Ottomeyer, der Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums, sollte nicht von sich auf andere schließen. Man möchte, wenn man sein befremdliches Vorwort gelesen hat, am liebsten gleich wieder kehrtmachen. Wäre nach Ottomeyers Logik womöglich der Holocaust die Ursache für Sprachschlampereien? Und läuft der Antrag der Unionsfraktion im Bundestag, das Deutsche in die Verfassung zu schreiben, dem Bestreben, die Nationalsprache aufzugeben, nicht vielmehr zuwider?

          Sprachgeschichte - ein reines Konstrukt

          Aber man möchte auch nicht wissen, was den Präsidenten des Goethe-Instituts im Vorwort geritten hat: „Man könnte die deutsche Sprache mit einer Fähre vergleichen, die als Teil des Flusses - des kulturellen Kontextes einer Sprachgemeinschaft - die Ufer verbindet.“ So allen Ernstes Klaus-Dieter Lehmann. Die beiden sind ja keine Sprachwissenschaftler, und man sieht, wie schwierig es selbst für gebildete Menschen ist, etwas Stichhaltiges zur Sprache zu sagen.

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