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Zum Tod von Reinhard Rürup : Außer Konkurrenz

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Dies gilt im Übrigen auch für seine Schüler aus der sogenannten Allgemeinen Geschichte, bei denen eine Besonderheit sofort ins Auge sticht: Bei seiner Emeritierung im Jahre 1999 war Reinhard Rürup derjenige deutsche Professor, mit dessen Unterstützung gleich viele Historikerinnen wie Historiker habilitiert wurden. Die Vermutung, dass er diesen Rekord bis heute hält, ist nicht abwegig. Für den Ehemann einer berufstätigen und politisch engagierten Frau und Vater zweier selbstbewusster Töchter war Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit, für die er jedoch durchaus zu kämpfen verstand: Auch das zweite große Zentrum an der TU, das für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, verdankt seine Gründung im Jahre 1995 seiner maßgeblichen Unterstützung.

Reinhard Rürup war ein gesellschaftspolitisch engagierter Gelehrter, der beides, Wissenschaft und Politik, zusammendachte und doch inhaltlich voneinander trennte: Seine Mitarbeit in der Historischen Kommission der SPD wollte er dezidiert nicht als „Parteigeschichtsschreibung“ verstanden wissen; und ein angemessenes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, für das er sich in zahlreichen Beiräten von Gedenkstätten vor allem nach 1989 einsetzte, war für ihn eine politische Aufgabe, wenngleich getragen von einem tiefen Verständnis für die deutsch-jüdische Erfahrung. Mit der Umsetzung von Geschichte in publikumswirksame Ausstellungen hatte sich Reinhard Rürup schon seit den achtziger Jahren befasst: Als wissenschaftlicher Leiter zusammen mit Gottfried Korff war er, der große Berlin-Liebhaber, dafür verantwortlich, dass in der historischen Ausstellung anlässlich der 750-Jahr-Feier der damals noch geteilten Stadt im Martin-Gropius-Bau sowohl der jüdischen Geschichte als auch der Stadtgeschichte im Nationalsozialismus ein gewichtiger Platz eingeräumt wurde – dies war und ist bis heute nicht eben üblich anlässlich staatstragender Jubiläen.

Hinzu kam, zur selben Zeit, die Eröffnung der Dokumentation „Topographie des Terrors“ nebenan auf dem Gelände des ehemaligen Reichssicherheitshauptamtes, bekanntlich als Provisorium gedacht und bis heute Kernstück des gleichnamigen Dokumentationszentrums. Auch hier war Reinhard Rürup, der die wissenschaftliche Leitung der Stiftung Topographie des Terrors bis 2004 wahrnahm, Pionier: der Täterforschung zum Beispiel, wie es der historische Ort nahelegte, und in der Beachtung der Opferperspektive. Erinnert sei nur an die große Ausstellung zum Krieg gegen die Sowjetunion 1991, die die zentralen Thesen der Wehrmachtsausstellung vorwegnahm – wenn man denn zu lesen gewillt war, denn die von ihm kuratierten Ausstellungen waren keine sinnlichen Erfahrungen, sondern äußerst penibel zusammengestellte Dokumentationen.

Reinhard Rürups Bedeutung für dieses in Deutschland so bitter umkämpfte, sinnüberfrachtete und politisch instrumentalisierte Feld kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er war zwar ein public historian, gewissermaßen avant la lettre, aber flamboyante moralische Selbstinszenierungen waren seine Sache nicht. Reinhard Rürup glaubte fest an die überzeugende Kraft des besseren Arguments, da war er auf eine fast störrische Weise nüchtern und rational – und es ist ebendie darauf basierende hohe Kunst, respektvollen Umgang mit politischer Klarheit zu verbinden, die uns in Zukunft so fehlen wird.

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