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Zum Tod von Reinhard Rürup : Außer Konkurrenz

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Es waren vermutlich die zahlreichen Begegnungen mit jüdischen Kollegen im LBI, aber auch während seiner Gastprofessuren in Berkeley und Stanford, Jerusalem und Harvard, die es ihm viel früher als anderen ermöglichten, die „Katastrophe“, wie er den Holocaust nannte, als das zentrale Ereignis der deutschen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert zu begreifen und darauf immer auch aus der Perspektive der Opfer zu blicken, ohne diese zu seiner eigenen zu machen. Vor diesem Hintergrund war das hartnäckige Engagement nur folgerichtig, mit dem sich Reinhard Rürup, gemeinsam mit dem damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, für eine Forschungseinrichtung an der TU Berlin einsetzte, die sich in der ehemaligen Hauptstadt des „Dritten Reiches“ mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung auseinandersetzen sollte. Als das Zentrum für Antisemitismusforschung, als dessen Gründungsbeauftragter er mehrere Jahre fungierte, schließlich 1982 seine Tätigkeit aufnehmen konnte, begann eine lange Phase intensiver Kooperation, in der unzählige Arbeiten zum Antisemitismus, zur deutsch-jüdischen Geschichte, zum Nationalsozialismus und zum Mord an den europäischen Juden entstanden, die maßgeblich zum exzellenten Ruf der Geschichtswissenschaften an der Technischen Universität Berlin beitrugen – ein Ruf, auf den Reinhard Rürup durchaus stolz war und dessen Zerstörung durch die Abwicklung des Fachbereichs ihn zutiefst verbittert hat.

Parallel dazu konnte er jedoch auf ein von ihm initiiertes und zehn Jahre lang geleitetes Erfolgsprojekt blicken: auf den 1989 unter dem etwas sperrigen Namen „Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts in der Bundesrepublik Deutschland“ (WAG) gegründeten deutschen Ableger des Leo Baeck Instituts. Neben diversen Projekten der WAG, einem Gastprofessorenprogramm für die neuen Bundesländer zum Beispiel oder den Archivführern zu den „Quellen zur Geschichte der Juden“, engagierte sich Rürup besonders für die Doktorandencolloquien und Nachwuchswissenschaftler-Tagungen der WAG, ein Format, das so erfolgreich war, dass es heute von zahlreichen anderen Fachgebieten kopiert wird.

Respektvoller Umgang und politische Klarheit

Hier bot sich einer nachwachsenden Generation von deutschen, fast immer nichtjüdischen Historikern die Möglichkeit, ihre Arbeiten vorzustellen und mit anderen in Kontakt zu kommen, lange bevor die mittlerweile zahlreichen Lehrstühle und Institute zur jüdischen Geschichte ihre Arbeit aufnahmen. Die wissenschaftliche und sprachliche Präzision Reinhard Rürups, aber auch seine stets auf eine konkurrenzfreie Diskussionsatmosphäre bedachte Leitung dieser Colloquien haben die folgende Generation der deutsch-jüdischen Historikergemeinschaft nachhaltig geprägt und bis heute bestehende Freundschaften und Netzwerke geschaffen.

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