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Aufklärung : Ein deutscher Aufklärer in Paris

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Der in der Nähe von Gießen als Sohn eines Müllers geborene Johann Georg Wille, der seit 1736 in Paris lebte, bezeichnete sich selbst als "philosophe". Er verkehrte mit den Geistesgrößen der Salons von Paris und korrespondierte mit den Perönlichkeiten der damaligen Zeit.

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          Der in der Nähe von Gießen als Sohn eines Müllers geborene Johann Georg Wille, der seit 1736 in Paris lebte, bezeichnete sich selbst als "philosophe". Er verkehrte mit den Geistesgrößen der Salons von Paris und korrespondierte mit den europäischen Fürsten und den berühmtesten Schriftstellern, Künstlern und Kunsthändlern seiner Zeit. Seine Wirkung als Propagator der Ideen der Aufklärung dürfte wohl kaum geringer zu veranschlagen sein als die seines weit bekannteren Landsmannes und Freundes, des Barons Grimm. Jean-Georges Wille, wie er sich in Frankreich nannte, hat noch nicht den seiner Bedeutung entsprechenden Platz in der Kunst- und Kulturgeschichte gefunden.

          Wille errang zu seinen Lebzeiten einen internationalen Ruf als Zeichner, Radierer, Kupferstecher und Lehrer. Weiteres Ansehen und erhebliches Einkommen erlangte er als Kunsthändler und Vermittler von Aufträgen im Dienste europäischer Herrscherhäuser. Schließlich war er eine Art Literaturagent, der die Übersetzung der Schriften von Gessner, Winckelmann, Hagedorn und anderen anregte und den deutschen Buchimport nach Frankreich förderte.

          Ein Voltaire der Kunst

          Dem vielseitigen Wirken Willes genauer nachzugehen, diente ein Kolloquium, das unlängst in Paris stattfand. Mit den Namen der Organisatoren, Elisabeth Décultot und Michel Espagne, sind Untersuchungen zur sogenannten Transferforschung verbunden, dem Austausch zwischen Frankreich und Deutschland, für den im achtzehnten Jahrhundert Wille als eine zentrale Gestalt angesehen werden muss. Der 1999 erschienene Briefwechsel ist eine unerschöpfliche Quelle für den weitverzweigten Austausch, der sich im Ancien Régime anscheinend so viel leichter über die Grenzen hinweg vollzog als in der folgenden, von nationalen Voreingenommenheiten geprägten Epoche.

          Zu Recht stand am Anfang der Tagung ein Beitrag von Heinrich Schulze Altcappenberg, Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, der in seiner 1987 erschienenen Dissertation die Grundlage der Forschung über Wille lieferte. Mit ihrem Titel "Le Voltaire de l'art" wird zwar hoch gegriffen, aber doch überzeugend der Weg gewiesen. Wie der Autor anschaulich analysierte, suchte der Zeichner auf seinen Exkursionen in die Umgebung von Paris mit seinen Schülern nicht die rokokohafte Idylle, sondern das Eigentümliche.

          Im Rückgriff auf die holländische Malerei des siebzehnten Jahrhunderts überwand er die Schäferszenen à la Boucher, um das Atmosphärische in einem lebendigen Zeichenduktus festzuhalten. Norberto Gramaccini betonte die technische Qualität der Kupferstiche und machte deutlich, dass Wille seine Landschaften sehr genau komponierte. Seine Naturauffassung suchte die Einfachheit und Größe im Sinne Winckelmanns, nicht das Erhabene Burkes. Daher reiste er auch nicht in die Schweiz, um die Alpen wie Caspar Wolf zu zeichnen. Die Erschütterung, wie sie sein Hausnachbar Diderot in den Landschaften Vernets erkannte, war noch nicht seine Sache, sondern wurde erst von seinen Schülern entdeckt, wie Yvonne Boerlin-Brodbeck ausführte.

          Die meisten Beiträge des Kolloquiums befassten sich mit Willes Rolle als Organisator, Vermittler, Propagator von ästhetischen Vorstellungen. Als "Tastemaker" charakterisierte Pascal Griener die als Mission aufzufassende Betriebsamkeit Willes, Künstler und Kunstwerke in ausführlichen Briefen zu beschreiben und in einen historiographischen Zusammenhang einzuordnen. Wie Voltaire in seinem "Siècle de Louis XIV" die kulturellen Höhepunkte der Epoche des Sonnenkönigs würdigte, suchte Wille die zeitgenössischen künstlerischen Neuerungen aufzuspüren und über sein Korrespondentennetz bekannt zu machen. Als "Kunstagent" erscheint er, wie Christoph Frank darlegte, wenn er Werke aus Versteigerungen an die deutschen oder russischen Höfe empfahl. Nicht zuletzt von den Verbindungen nach St. Petersburg, über die Olga Medvedkova referierte, konnten auch einträgliche Donationen für die Beratung erwartet werden.

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