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Astrokultur im Kalten Krieg : Der Weltraum ist das Schlachtfeld von morgen

Tatsächlich ist die europäische Space-Science-Fiction tendenziell düsterer als die amerikanische. Postapokalytische Themen fänden sich bei europäischen Autoren öfter, nach 1970 auch als Umweltdesaster. Doch Space Operas gebe es ebenso, wie überhaupt der amerikanische Einfluss auf Europa enorm sei, in umgekehrter Richtung aber praktisch nicht existiere. Als Hollywood 1968 mit dem „Planet der Affen“ eine französische Romanvorlage verfilmte, war das eine Ausnahme.

Science Fiction als klassische Utopie

Und wie gut selbst Kontinentaleuropäer sich auf Space Operas verstehen, zeigt die deutsch-französische Fernsehproduktion „Raumpatrouille Orion“, die 1966 ausgestrahlt wurde, neun Tage nach der ersten „Star Trek“-Folge in den Vereinigten Staaten. Wie dort die Crew des Raumschiffs Enterprise, reflektiere auch das Personal der „Orion“ die zeittypischen Hoffnungen auf eine vereinte Menschheit, berichtete Matthias Hurst (Berlin). Zugleich sei es aber wesentlich soldatischer gezeichnet, was „Raumpatrouille“ den Vorwurf faschistischer Ästhetik eintrug. Doch wie David Edgerton (London) in der Schlussdiskussion der Tagung anmerkte, gebe es auch in der realen Welt einen liberalen Militarismus, der mit globalen Ambitionen und definierter Ideologie - hier eben die der Freiheit - ins Feld zieht. „Wir denken immer, der Liberalismus sei pazifistisch. Doch das ist er nicht.“

Damit ist vielleicht auch der Fall „Starship Troopers“ nicht nur für Literaturhistoriker interessant. Etikette wie „faschistisch“, „gewaltverherrlichend“ bis hin zu „Technoporn“ wurden auch diesem Buch schon aufgeklebt, dem sich in Berlin gleich zwei Vorträge widmeten. Für Simon Spiegel (Zürich) erfüllt der Roman alle Kriterien einer klassischen Utopie, allerdings einer, in der die Utopier das Universum „sehen, wie es ist, und nicht wie wir wollen, dass es ist“. Damit könne das Buch als antiutopische Utopie gelesen werden. Philipp Theisohn (Zürich) widmete sich sodann den Kampfanzügen, welche die Sternenkrieger befähigen, es mit den Bugs aufzunehmen - und sie dadurch selbst zu Aliens werden lassen.

Popkultur formt Weltsicht politischer Entscheider

Dass der Weltraum den Weltraumfahrer verändere, gar seine Transformation in ein technisch-organisches Zwitterwesen, einen Cyborg, erforderlich mache, wurde nicht immer negativ gesehen, wie Patrick Kilian (Zürich) ausführte. Cyborgs als nächste Stufe der biologischen Evolution, die der Mensch nun selbst in die Hand nehme, feierte etwa der britische Genetiker J. B. S. Haldane, der 1963 sogar darüber nachdachte, mittels einer dem Contergan-Wirkstoff vergleichbaren Substanz Astronauten ohne Beine zu züchten - für den Einsatz in permanenter Schwerelosigkeit. Das Menschenbild hinter solchen Ideen sei es gewesen, das den Schriftsteller C. S. Lewis zu einem der wenigen frühen Kritiker der Raumfahrt werden ließ, wie Oliver Dunnett (Belfast) berichtete.

Nun spielten in der Debatte um die bemannte Raumfahrt weder Haldane noch Lewis je irgendeine Rolle. Die darin aufscheinende Frage, ob und wieweit die Astrokultur auf die weltraumpolitische Realität zurückwirken kann, wurde in Berlin nur angeschnitten, und Michael J. Neufeld (Washington DC) diagnostizierte hier am Ende der Tagung einen erheblichen Forschungsbedarf. Während Alex Roland nicht so recht an einen solchen Einfluss glauben will, ist er für Michael Sheehan durchaus plausibel. „Die Weltsicht der politischen Entscheider wird auch durch die Populärkultur geformt“, sagt Sheehan. „Science-Fiction kann Menschen dazu bringen, bestimmte Möglichkeiten für möglicher zu halten als andere.“

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