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Anselm Kiefer am Collège de France : Bin Ladin - eine Kunst-Performance?

  • -Aktualisiert am

Fasziniert vom Kaputten: Anselm Kiefer Bild: dapd

Der Friedenspreisträger Anselm Kiefer hält eine Vorlesung am renommierten Pariser Collège de France. Und niemand widerspricht ihm, als er Usama Bin Ladin zum bildenden Künstler erklärt.

          4 Min.

          In diesem Jahr hält Anselm Kiefer in Paris eine Vorlesung - er ist der erste bildende Künstler, dem die Ehre zuteil wurde, einen Ruf auf den Lehrstuhl für Kunst des altehrwürdigen Collège de France zu erhalten. Und auch, wenn Kiefer darauf besteht, seine Vorträge in französischer Sprache zu halten, was es bisweilen sehr mühsam macht, ihm zu folgen, kommt das Publikum in Scharen. Es sind so viele, dass ein Saal allein die Zuhörer nicht fassen kann. Kiefer ist große Auftritte gewohnt, diese Kulisse aber nötigt selbst ihm, der in einem langen schwarzen Mantel Darth Vader gleich in den Saal gesegelt kommt, sichtbar Respekt ab.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Schon bei seiner ersten Vorlesung im Dezember hatte er betont, er wolle sich bei seinen Vorträgen zum Thema „Die Kunst geht knapp nicht unter“ keinesfalls in ästhetischen Theorien verlieren. Vielmehr möchte er den Zuhörern so etwas wie Streifzüge bieten durch all das, was ihn seit seiner Jugend bewegt, inspiriert, verändert und provoziert hat. Und so wunderte man sich kaum, dass er in seiner ersten Vorlesung auf den Dichter Arthur Rimbaud zu sprechen kam und gleich in der zweiten auf einen weiteren poète maudit, auf Jean Genet.

          Kunst als Schicksal des Menschen

          Was Kiefer mit Genet offensichtlich eint, ist die Faszination für das Kaputte, für Trümmer, Verfall, Auflösung. Zum Zweck seines Auftritts im Collège de France hat er noch einmal Genets „Tagebuch eines Diebes“ gelesen und aus ihm geschlossen, dass es für den Dichter nichts gibt, was zu hässlich oder zu abgeschmackt wäre, um daraus ein Objekt der Kunst zu machen und es auf diese Weise zu mystifizieren. Das geht so weit, dass Genet auch Menschen als Dinge darstellt, sie gewissermaßen entmenschlicht, um sie mythisch zu erhöhen. „Das poetische Prinzip Genets liegt darin, dass er den Menschen und den Dingen dieselbe Bedeutung einräumt“, sagt Kiefer. Und er tut dies, „um eine Ordnung zu begründen, die er noch nicht kennt.“ Es ist eine Ordnung, in der alles als Material für die Kunst verstanden wird, in der die Kunst also über das Schicksal des Menschen bestimmt.

          Man erkennt leicht, dass es genau dies ist, was Kiefer an Genet so reizen muss, hat er sich selbst in seinen Werken doch seit geraumer Zeit ebendiesem Mythischen zugewandt, einer Welt, die sich jenseits des sinnlich Erfahrbaren womöglich verbirgt. Interessant sind dabei allerdings weniger diese etwaigen Gemeinsamkeiten zwischen den Künstlern. Interessant ist vor allem, zu welchen Assoziationen sich Anselm Kiefer durch die Auseinandersetzung mit Genet verführen lässt. Denn ihn erinnert die „starke und schlichte Schönheit“ von Genets Poetik an die Bilder, die am 11. September beim Anschlag auf das World Trade Center in New York entstanden sind. Man möchte seinen Ohren nicht trauen: Wie vor ein paar Jahren schon Karlheinz Stockhausen meint nun auch Anselm Kiefer, Usama Bin Ladin habe dort „das perfekteste Bild geschaffen, das wir seit den Schritten des ersten Mannes auf dem Mond gesehen haben“. Doch nicht nur das: Es sei dem Mann gar nicht um einen terroristischen Akt gegangen, sondern allein darum, symbolträchtige Bilder zu produzieren. Die vielen Menschen, die dabei getötet wurden, scheint Kiefer in diesem Moment zu vergessen. Er redet nun schon eine gute halbe Stunde, das französische Bildungsgroßbürgertum hört ihm gelassen zu, scheint d'accord zu sein mit seiner These. Denn für Kiefer erfüllen die Bilder des 11. September alle Parameter der Kunst, als da seien: Schönheit, ein einzigartiger Charakter, Einfachheit, Homogenität und Vieldeutigkeit, die Interaktion mit dem Betrachter und zu guter Letzt auch die Provokation. Mit ihr kennt Kiefer sich ja tatsächlich aus.

          Bin Ladin, eine Kunstperformance?

          Der Künstler führt ein Buch vor, das er in jungen Jahren entworfen und Jean Genet gewidmet hatte. Es enthält unter anderem Fotos von ihm selbst, wie er die Hand zum Hitlergruß hebt, von jenen „Besetzungen“ also, die zu seiner frühen Berühmtheit beigetragen haben. Der Hinweis ist kein Zufall, denn natürlich drängt sich der Verdacht auf, Kiefer kehre mit seinem Flirt mit Usama Bin Ladin zu seinen provokativen Anfängen zurück. Damals wie heute aber versucht sich Kiefer mit dem Argument aus der Affäre zu ziehen, man dürfe die Kunst und das Leben nicht miteinander verwechseln. Es gebe viele Künstler, die fürchterliche Menschen waren, sagt Kiefer und erinnert an Louis Ferdinand Céline, über dessen Status in Frankreich gerade deswegen ja derzeit auch gestritten wird. „Aber ihre Werke sind da - und das Leben ist etwas anderes.“ Genau deswegen, so Kiefer, sei es auch nicht seine Aufgabe, den Terrorismus Bin Ladins zu verurteilen, also eine wie auch immer geartete Moral zu vertreten. Da aber applaudiert ein Teil des Pariser Publikums, und man kommt nicht umhin, sich sehr zu wundern: Bin Ladin, eine Kunst-Performance?

          Wohl kaum. Denn wenn man als Parameter der Kunst auch die Provokation heranzieht und als solche müsste man das von Bin Ladin geschaffene „Werk“ ja betrachten - dann kann man gar nicht anders, als dieses „Werk“ in Zusammenhang mit seiner Umgebung zu setzen. Denn natürlich kann eine Provokation niemals im luftleeren Raum stattfinden, sie ist immer als Reaktion auf eine reale, also zeit- und ortsgebundene Situation zu verstehen, womit sie auch den Wertmaßstäben dieser Zeit unterliegt.

          Applaus vom Publikum

          Wer sollte das eigentlich besser wissen als Anselm Kiefer? Seine Werke würden erst durch den Betrachter vollendet, das hat er stets betont. Diese Interaktion kann aber immer nur mit Bezug auf die Gegenwart funktionieren, in der sie stattfindet. Und so muss man auch bei den Bildern vom Zusammenbruch der Twin Towers das Leben und die Absichten des Urhebers in die Deutung miteinbeziehen. In diesem Sinne sprach sich übrigens auch der Künstler Daniel Buren, den Kiefer eingeladen hatte, dafür aus, den Trennstrich zwischen Kunst und Leben weniger dogmatisch zu ziehen. Über die Schönheit der Bilder vom 11. September könne man sprechen, sagte er. „Aber sicherlich werde ich nicht akzeptieren, einen terroristischen Akt als Kunst zu bezeichnen.“ Und auch da applaudierte ein Teil des Publikums, und selbst wenn es nur eine verhaltene Empörung war, die sich da zeigte, musste man angesichts des übrigen Schweigens doch froh sein, dass es sie überhaupt gab.

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