https://www.faz.net/-gqz-y4ns

Anselm Kiefer am Collège de France : Bin Ladin - eine Kunst-Performance?

  • -Aktualisiert am

Bin Ladin, eine Kunstperformance?

Der Künstler führt ein Buch vor, das er in jungen Jahren entworfen und Jean Genet gewidmet hatte. Es enthält unter anderem Fotos von ihm selbst, wie er die Hand zum Hitlergruß hebt, von jenen „Besetzungen“ also, die zu seiner frühen Berühmtheit beigetragen haben. Der Hinweis ist kein Zufall, denn natürlich drängt sich der Verdacht auf, Kiefer kehre mit seinem Flirt mit Usama Bin Ladin zu seinen provokativen Anfängen zurück. Damals wie heute aber versucht sich Kiefer mit dem Argument aus der Affäre zu ziehen, man dürfe die Kunst und das Leben nicht miteinander verwechseln. Es gebe viele Künstler, die fürchterliche Menschen waren, sagt Kiefer und erinnert an Louis Ferdinand Céline, über dessen Status in Frankreich gerade deswegen ja derzeit auch gestritten wird. „Aber ihre Werke sind da - und das Leben ist etwas anderes.“ Genau deswegen, so Kiefer, sei es auch nicht seine Aufgabe, den Terrorismus Bin Ladins zu verurteilen, also eine wie auch immer geartete Moral zu vertreten. Da aber applaudiert ein Teil des Pariser Publikums, und man kommt nicht umhin, sich sehr zu wundern: Bin Ladin, eine Kunst-Performance?

Wohl kaum. Denn wenn man als Parameter der Kunst auch die Provokation heranzieht und als solche müsste man das von Bin Ladin geschaffene „Werk“ ja betrachten - dann kann man gar nicht anders, als dieses „Werk“ in Zusammenhang mit seiner Umgebung zu setzen. Denn natürlich kann eine Provokation niemals im luftleeren Raum stattfinden, sie ist immer als Reaktion auf eine reale, also zeit- und ortsgebundene Situation zu verstehen, womit sie auch den Wertmaßstäben dieser Zeit unterliegt.

Applaus vom Publikum

Wer sollte das eigentlich besser wissen als Anselm Kiefer? Seine Werke würden erst durch den Betrachter vollendet, das hat er stets betont. Diese Interaktion kann aber immer nur mit Bezug auf die Gegenwart funktionieren, in der sie stattfindet. Und so muss man auch bei den Bildern vom Zusammenbruch der Twin Towers das Leben und die Absichten des Urhebers in die Deutung miteinbeziehen. In diesem Sinne sprach sich übrigens auch der Künstler Daniel Buren, den Kiefer eingeladen hatte, dafür aus, den Trennstrich zwischen Kunst und Leben weniger dogmatisch zu ziehen. Über die Schönheit der Bilder vom 11. September könne man sprechen, sagte er. „Aber sicherlich werde ich nicht akzeptieren, einen terroristischen Akt als Kunst zu bezeichnen.“ Und auch da applaudierte ein Teil des Publikums, und selbst wenn es nur eine verhaltene Empörung war, die sich da zeigte, musste man angesichts des übrigen Schweigens doch froh sein, dass es sie überhaupt gab.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

Ein australischer Soldat am 2. August in Sydney

Delta-Variante in Australien : Soldaten überwachen den Lockdown in Sydney

Trotz strenger Corona-Maßnahmen sind die Infektionszahlen in Sydney auf einem für australische Verhältnisse hohen Niveau geblieben. Nun sollen die Ordnungskräfte dafür sorgen, dass sich die Menschen besser an die Regeln halten.
In Partylaune: Deutsche Urlauber feiern am Strand von Arenal.

Tourismus : Keiner will die Billigurlauber

Der Partytourist gerät in Misskredit: Viel saufen und wenig zahlen, das wollen viele Staaten nicht mehr. Hinzu kommt der Klimaschutz. Naht das Aus für den billigen Urlaub?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.