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: Anglonormannische Kanonistik

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Eike von Repgow hat gelebt, und zwar etwa zwischen 1180 und 1235. Man mag das eine Tatsache nennen oder eine durch sechs Urkunden gut belegte Annahme, das macht kaum einen Unterschied. Jedenfalls war ...

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          Eike von Repgow hat gelebt, und zwar etwa zwischen 1180 und 1235. Man mag das eine Tatsache nennen oder eine durch sechs Urkunden gut belegte Annahme, das macht kaum einen Unterschied. Jedenfalls war ein Mann dieses Namens Verfasser des berühmtesten mittelalterlichen Rechtsbuchs, des "Sachsenspiegels". Man kennt seine Herkunft aus dem Dorf Reppichau in der Nähe der Elbe, einige Lebensumstände lassen sich erschließen.

          Generationen von Rechtshistorikern haben über ihn gearbeitet, haben über seinen weltlichen oder gar geistlichen Stand gerätselt, Vermutungen über seinen Bildungsgrad angestellt und jeden Satz seines Textes abgeklopft, um Bezugnahmen auf römisches Recht, kanonisches Recht und andere Quellen zu ermitteln. Für die Niederschrift kam man auf die Zeit zwischen 1220 bis 1235, eingeengt auf 1223 bis 1226. Aber die Frage nach dem Ort der Niederschrift blieb einfach ein Rätsel.

          Nun hat der Münchner Rechtshistoriker Peter Landau, der sich bewundernswert sicher in der Kanonistik wie in der allgemeinen mittelalterlichen Rechtsgeschichte bewegt, mit Hilfe einer Indizienkette so plausible Vorschläge gemacht, daß man geneigt ist, das Rätsel für gelöst zu halten (Peter Landau, Der Entstehungsort des Sachsenspiegels. Eike von Repgow, Altzelle und die anglo-normannische Kanonistik, in: Deutsches Archiv zur Erforschung des Mittelalters, Jg. 61, 2005).

          Wie alle seine Vorgänger geht er von jenen sechs Urkunden aus, in denen Eike genannt wird, nimmt dabei Hinweise auf Beziehungen zu den Zisterziensern auf und richtet seinen Blick dann auf das heute verschwundene Zisterzienserkloster Altzelle in der Mark Meißen, das vom Kloster Pforta aus gegründet worden war. Wenige Jahre bevor Altzelle 1540 aufgelöst wurde, katalogisierte ein Mönch den Buchbestand - die Liste befindet sich heute in der Universitätsbibliothek Jena. Aus den damit nachgewiesenen etwa 1000 Büchern findet nun Landau diejenigen heraus, welche die bisherige Forschung als Quellen des "Sachsenspiegels" identifizieren konnte, und siehe da, es gibt frappierende Übereinstimmungen bei den theologischen, historischen und juristischen Texten, vor allem mit einem im wesentlichen kirchenrechtlichen Codex aus Altzelle (heute als Ms. 1242 in der UB Leipzig).

          Landau weist Beziehungen zur anglo-normannischen Kanonistik nach und kommt insgesamt zum Ergebnis, Eike von Repgow sei mit hoher Wahrscheinlichkeit der Benutzer der für die damalige Zeit einzigartigen Klosterbibliothek Altzelle gewesen. Altzelle war, so schließt er, um 1220 "ein geradezu singuläres Zentrum juristischer Bildung in Deutschland", "das sächsische St. Denis". Manche Bildungspolitiker mögen derlei Forschungen für brotlose Künste halten, weil damit keine Großprojekte in Gang gesetzt und keine Drittmittel benötigt werden. Die internationale scientific community der Rechtsgeschichte denkt darüber anders. Das geistige Europa der Moderne ist aus solchen Netzwerken der Kommunikation in Antike und Mittelalter entstanden. Nur durch ihre Entschlüsselung und permanente Aneignung bleibt Euroland bewohnbar. Michael Stolleis

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