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Amerikanischer Bürgerkrieg : Am liebsten hätte Lincoln immer weitergeredet

Offiziere auf dem Lookout Mountain, Tennessee, fotografiert von Royan M. Linn, 1863 Bild: Library of Congress

Die Library of Congress in Washington zeigt eine Ausstellung zum Bürgerkrieg in Amerika. Unter vielen anderen Preziosen wird dort auch Abraham Lincolns wichtigstes Redemanuskript präsentiert.

          Er hört sich zu gerne reden. Das sagen heute die Kritiker von Barack Obama, und das sagten vor hundertfünfzig Jahren auch die Freunde von Abraham Lincoln. Zwölf Tage dauerte im Februar 1861 die Reise des gewählten Präsidenten von Springfield, der Hauptstadt von Illinois, in die Bundeshauptstadt Washington. Lincoln fuhr mit der Eisenbahn, und an jeder Zwischenstation richtete er einige frei gesprochene Worte an die Mitbürger, die zu seinen Ehren zusammenströmten.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Sieben Bundesstaaten hatten nach dem Sieg des Republikaners in der Wahl vom 6. November 1860 ihren Austritt aus der Union erklärt. Im Februar unternahmen sie die förmlichen Schritte zur Gründung einer eigenen Union. Die große Frage war, wie viele Staaten sich den Abtrünnigen des tiefen Südens anschließen würden. In diesen Wochen der Ungewissheit brachten die Zeitungen jeden Tag neue Nachrichten von Äußerungen Lincolns, die unverbindlich waren, da er sein Amt noch nicht angetreten hatte.

          Bildungsaristokraten an der Ostküste bewerteten nicht nur den Zeitpunkt der Redekampagne, sondern auch den volkstümlichen Ton des Redners als ungehörig. Edward Everett, der frühere Präsident der Harvard-Universität, einer der unterlegenen Vizepräsidentschaftskandidaten von 1860, schloss aus der Schmucklosigkeit von Lincolns Reden, dass er eine Person von minderwertigem Charakter und der Krise nicht gewachsen sei. Und Benjamin Brown French, dem als Protokollchef die Organisation der Amtsübergabe am 4. März oblag, kam zu dem Urteil, „old Abe“ sei wohl mit der Schnauze des Mannes aus dem Westen („western gab“) gesegnet, aber nicht mit der Gabe der Sprache.

          Ein Zeugnis vorsorglicher Kollegialität

          Den Entwurf der ersten Rede, die er als Präsident halten wollte, hatte Lincoln noch in Springfield niedergeschrieben und drucken lassen. Aber im Zug war das Manuskript mit dem Umzugsgepäck weggeschlossen, so dass er während der Reise nicht weiter am Text arbeiten konnte. In Washington brachte Lincoln den Entwurf allen designierten Mitgliedern seines Kabinetts zur Kenntnis, das hieß genauer gesagt: zu Gehör. Die Fassung letzter Hand war erst am Morgen des 4. März fertig. Diese Blätter kann man jetzt in einer Ausstellung der Kongressbibliothek studieren, einer Chronik des Bürgerkriegs in zweihundert Dokumenten.

          Redner der Nation, Lehrer seines Sohnes: Abraham Lincoln

          Die sieben Seiten, deren Vortrag eine gute halbe Stunde dauerte, sind eine Collage. Lincoln hat den aus Springfield mitgebrachten gedruckten Text zerschnitten und mit umfangreichen handschriftlichen Einfügungen zusammengeklebt. Die Textgestalt ist ein Zeugnis jener vorsorglichen Kollegialität, die in der von Steven Spielbergs Ensemblefilm aufgegriffenen Lincoln-Deutung die Historikerin Doris Kearns Goodwin zum Inbegriff politischer Klugheit macht. Hier stehen Lincolns Worte in Lincolns Handschrift, die John Updike als unmanieriert und klar beschrieben hat. Graphisch materialisiert sich der Geist des Redners, graphologische Spekulationen sind witzlos. Und doch hat Lincoln in beachtlichem Umfang Einwände und Vorschläge der Probehörer eingearbeitet.

          Der Feind ist kein Fremder

          Handschriftlich ausgeführt ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Obersten Gerichtshof, die der Gerichtspräsident Roger Taney äußerst missmutig aufnahm. Der berühmte Schlussabschnitt geht auf eine Vorlage des designierten Außenministers William Seward zurück. Lincoln hatte ursprünglich mit einer Herausforderung an die Südstaaten schließen wollen: Von ihnen, nicht von ihm hänge es ab, ob es Frieden oder Krieg geben werde. Seward warb für einen versöhnlichen Schlusston.

          Lincoln übernahm Sewards Bild von den „mystischen Akkorden“ des aus den Gräbern aufsteigenden Zusammengehörigkeitsgefühls, aber rief statt den Schutzengel der Nation die „besseren Engel unserer Natur“ an. So interpretierte er den Streit um Sezession und Sklaverei moralpsychologisch, als gemeinschaftliche Selbstprüfung. Die Notwendigkeit zu einer eindeutigen Entscheidung zwang nicht zur Verleugnung zweideutiger Gefühle: Im Bürgerkrieg ist der Feind kein Fremder.

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